ZDF, Sonntag, 18. März: „Spätsommertage“, Fernsehfilm von Peter M. Thouet

Der Einfall ist brillant: Jeden Morgen stehlen sich drei alte Leute aus ihrer Behausung, dem Altersheim, dem Notquartier im Hinterhof oder dem behaglichen Zimmer im Kreise der Familie, machen sich auf den Weg, wie immer? fragt der Schaffner im Bus, wie immer antwortet der Rentner, streben, vom Argwohn der Umgebung begleitet (weiß der Teufel, was Oma da anstellt, Morgen für Morgen), in einer Art von Mini-Sternmarsch ihrem Ziel entgegen und genießen dort, am Ort der Lustbarkeit, ihr Vergnügen... auf einer Bank im Friedhofsgelände.

Hier ist immer was los heißt das Leitmotiv des Films. Hier spielt man Pietät und läßt die Bagger wuchten; hier imitiert die Kolonne der Sargträger eine Garde von venezianischen Edlen – eine Garde freilich, die sich am liebsten über Schrebergärten und Radieschen unterhält; hier wird das Begräbnis eines Hohen Richters a. D. (also „könnte interessant werden, da gehen wir mit dem Verscharren einer Sozial-Leiche konfrontiert. („Auf, wir schließen uns. an, das wird sonst gar zu kümmerlich.“)

Ein brillanter Einfall, der präzise und variationsreich durchgeführt wurde, angereichert durch eine Fülle von Kabinett-Szenen (vor allem dem Arrangement einer feudalen Bestattung: Kollegen, Freunde und Sportkameraden nach links, die liebe Schwester ins Zentrum, und neue Kerzen, wenn ich bitten darf!“) – und dabei das Ganze immer auf ein einziges Problem bezogen: Wie ist es um eine Gesellschaft bestellt, in der die randständigen, weggeschobenen Alten nur noch eine einzige Belustigung finden, die Inszenierung des Tods..., und selbst die wird ihnen nicht gegönnt, weil die Herausforderung des Altersheims oder das Familienreglement dies verbieten. (Was nützt der ganze schwarze Pomp, wenn um halb eins gegessen wird?)

Pointenreiche Dialoge, „offene“ Szenen, die, so oder so deutbar, die Phantasie des Betrachters erregen (was würde sein, wenn einer der drei Stammspaziergänger oder einer der beiden von ihnen gekaperten Friedhofs-Hyänen, der Studienrat und die Souffleuse selbst bestattet werden müßten?), ein leiser und melancholischer Schluß (es wird Herbst, die Gesellschaft löst sich auf, man trifft sein Abkommen mit der Umwelt) – das Stück wäre makellos gewesen, hätte der Autor zum ersten einige Wiederholungen vermieden – und dies, obwohl das Friedhofs-Ritual mit den bestellten Rednern und der kostenspezifischen Gewandung der Sargträger weiß Gott beliebig viele Variationen ermöglicht! – und wäre er zum zweiten, Peter M. Thouet, nicht dem Fehler verfallen, das Angedeutete, im Bild Bezeichnete und im Wort Umschriebene durch die Personen leitartikelhaft formulieren zu lassen. Als ob es nicht genügte, einen verstorbenen Lehrer durch den Satz zu charakterisieren: „Er spielte auf dem Pausenhof Geige.“ Als ob noch, in steifleinener Lyrik gesagt werden müßte: „Er war der liebenswerteste und verwundbarste Kollege.“ Als ob die Moritat von den Alten, denen der Friedhof zum Lebenselixier und Zum Theater der Welt wird, noch einer dürr vorgetragenen Quintessenz bedürfte – und dies in einem Stück, wo alles auf Offenheit, Hintersinn, Gegenläufigkeit und Widerspruch ankommt.

So wie es das Sujet verlangt: Der Tod, der als Komödie inszeniert wird – in einer Art und Weise, wie sie nur von den Randständigen durchschaut wird, den Komplizen des Todes. Durchschaut und eine kleine Weile lang genossen.

Momos