Carters Politik in einer Welt der begrenzten Möglichkeiten: kein leichtfertiger Heroismus, keine Untergangsstimmung

Von Andreas Kohlschütter

Weltmacht in Bedrängnis, Sternenbanner ohne Sternstunden – so urteilte die Welt monatelang über die amerikanische Außenpolitik.

Beschämende Schelte mußte der Präsident in Mexiko einstecken. Schmachvolle Prügel bezogen US-Marines in Teheran. Der US-Botschafter in Kabul starb schmachvoll im Schußwechsel zwischen islamischen Terroristen und marxistischen „Befreiern“. Dem Kronprinzen Fahd von Saudi-Arabien war die amerikanische Schutzmacht keine Reise mehr wert. Schockierender Kriegslärm in Fernost übertönte den Jubel über die endlich zustande gebrachte Normalisierung mit Peking und rückte die neue Chinapolitik ins Zwielicht. Auch in den Vereinigten Staaten schwoll der Klagechor: „Niemand trägt das Kommando, wir treiben ohne Steuermann dahin, die Ereignisse überrollen uns.“ Howard Baker, der republikanische Minderheitsführer im Senat, bemängelte: „Der Eindruck verstärkt sich, Amerika sei ein internationaler Hampelmann.“

Doch Jimmy Carters Amerika ist stärker als sein Ruf. Die militärische Rüstung der westlichen Supermacht ist und bleibt gewaltig, Salt II hin oder her. Die Wirtschaft bleibt die stärkste der Welt und strotzt trotz allen Dollarstürzen vor Produktivkraft und technologischer Energie. Zum erstenmal seit über hundert Jahren erlebt das Land einen Demokraten im Weißen Haus und hat weder einen Krieg noch eine Depression am Hals. Und es erlebt einen Präsidenten, der die Vereinigten Staaten wie selten zuvor an der diplomatischen Front mit eigenen Initiativen, Verhandlungen, Vermittlungsdiensten und persönlichem Einsatz engagiert hat.

Dennoch breitet sich das Elend an Amerika und an Carter wie eine schleichende, gefährlich ansteckende Krankheit aus. Dabei spielen die ersten Zuckungen des Präsidentschaftswahlkampfes von 1980 eine nicht zu unterschätzende Rolle. Carter hat den Republikanern im Innern durch seinen konservativen Wirtschaftskurs die Schau gestohlen. Also stürzt sich die Grand Old Party auf das strittigere Gebiet der Außenpolitik. Sie soll zum „Thema Nummer eins“ des Wahlkampfes werden; deswegen die ausdrückliche Absage an eine überparteiliche Außenpolitik, die künstliche Polarisierung und Dramatisierung, die Aufputschung amerikanischer Unsicherheitskomplexe und Verteidigungsreflexe.

Die republikanische Parteispitze sieht eine „unheimliche Parallele“ zwischen Carters Außenpolitik und dem Appeasement Chamberlains vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Senior-Publizist Joseph Alsop wähnt den „einstigen amerikanischen Willen zum Sieg“ durch den „eindeutigen Willen zum Verlieren“ ersetzt. „Präsident Carters Administration verbindet den schlimmsten Appeasement-Geist der britischen Rechten mit dem verschwommenen Denken des schlimmsten Teils der britischen Linken in der schlimmsten Zeit der dreißiger Jahre.“ In geschickter Unverbindlichkeit, mit Hoffnungen auf ein politisches Comeback, gibt der renommierte Stimmungsmacher Henry Kissinger ein düsteres Orakel nach dem anderen von sich: „Möglicherweise treten wir in eine Phase größter Gefahren ein.“