„Als Schreiber der ‚ZEIT‘ bist du ein gesellschaftlich anerkannter Mensch. Wie und worüber ich schreibe, es wird bedeutungslos angesichts der Tatsache, daß das, was ich schreibe, in der ‚ZEIT‘ steht... So werden die ‚ZEIT‘-Kritiken zu Filmen und Büchern in zahllosen Feuilletons der deutschen Provinzpresse unbesehen nachgeschrieben –, von eben den eingeschüchtert ten Köpfen, dessen Schirmherrschaft ich arbeite... Und bald hast du es, ohne es zu merken, begriffen: daß du schreiben kannst, was und worüber du Lust hast – es kräht kein Hahn danach. Im Namen der Bandbreite, des Meinungsspektrums und des Pluralismus ist jede Meinung, jedes Thema erlaubt, wenn nicht gar willkommen. Nur eine einzige Regel gilt es zu beachten: Du mußt bei allem das Niveau, das die Leser erwarten, du mußt den guten Ruf wahren, den die ‚ZEIT‘ zu verlieren hat. Deine Sprache muß aus gutem Hause kommen, dann kannst du dich über das Elend der Underdogs verbreiten, soviel du willst; wenn deine Sätze nur auf Sattelhöhe bleiben, dann hat man nichts gegen eine Reportage über den ‚Werckreis Literatur der Arbeitswelt‘, im Gegenteil. Natürlich steht diese Sprachregelung an keinem Schwarzen Brett angeschlagen, sie versteht sich einfach von selbst, sie geht dir melodisch als der gute Ton des Hauses ein, den sie hier alle sprechen und schreiben ... Sie gehorcht dem ruhigen Takt des Einerseits und Andererseits ... Der wohlklingend sanften Auf- und Abbewegung folge ich wohl, wenn ich meine Artikel schreibe, deren musikalischer Grundriß, fürchte ich, immer schon festliegt.“

Aus dem Buch von Christian Schultz-Gerstein „Der Doppelkopf – Nach einem Gespräch mit Jean Améry“ (März Verlag bei Zweitausendeins, Postfach 71 02 49, 6000 Frankfurt, 1979; 128 S., 10,– DM.) Unser einstiger Mitarbeiter, 1946 geboren, arbeitet seit 1976 als Kulturredakteur im „Spiegel“.