Von Haug von Kuenheim

In jedem guten Fernsehjournalisten steckt auch ein Showstar. Ob sie nun Hanns-Joachim Friedrichs heißen oder Dieter Kronzucker, Peter Scholl-Latour oder Charly Weiss, sie werden umschmeichelt, umworben und ihrer Neider gibt es viele. Das, was sie zu sagen haben, müssen sie an den Mann bringen, "verkaufen" wie das schreckliche Wort dafür in der Branche heißt. Aber wehe, ihnen unterläuft dabei ein Fehler! Eine ganze Fernsehnation heult auf und stürzt sich mit Geschrei auf ihr Opfer.

Die jüngste Beute ist Reinhard Appel. Seit jener Sendung, in der Oppositionschef Helmut Kohl sich kritischen Fragen holländischer Bürger stellte und die Appel moderierte, sind viele Fernsehzuschauer aufgebracht. Es hagelte böse Kritiken, und Deutschlands größter Gossenjournalist, Will Tremper, verstieg sich zu der hämischen Frage, ob Appel den CDU-Chef nicht bewußt hereingelegt habe.

Was manche als eine "atemberaubende Sendung" empfanden, wurde von vielen, vielleicht der Mehrheit, als üble Darstellung empfunden, in der einseitig ausgewählte Frager Kohl in Bedrängnis brachten – kurz, es wurde "ein für Deutschland blamables Bild" gezeichnet, wie ein hoher protestantischer Kirchenmann, Erwin Wilkens, angeekelt feststellte.

Reinhard Appel blickt ob dieser Anwürfe einigermaßen erstaunt drein, gibt aber zu, daß er noch nicht zu alt sei, um aus Fehlern zu lernen. Und so nimmt er denn einen Brief des Intendanten Hase, den dieser vom Krankenbett an die Aufsichtsgremien des Senders geschrieben hat, auch nicht krumm. Er kannte den Entwurf des Briefes und billigte ihn. Mit der Großzügigkeit – oder Gutmütigkeit – wie sie nur einer östlichen Seele eigen ist, Appel ist Oberschlesier, machte er sich auch die darin enthaltene Kritik zu eigen. Rückblickend sei manches falsch gelaufen, erklärt er, beispielsweise die Auswahl der Frager. Sicher hätte auch diese oder jene organisatorische Frage anders gelöst werden können. Kritik hin oder her – Appel hält sich am ersten Absatz des Hase-Briefes fest, und da steht: "Bestätigt durch persönliche Gespräche mit Herrn Appel ergibt sich für mich kein Anlaß, H’errn Appel, der in der Sendung sein möglichstes versucht hat, den Ablauf im Griff zu behalten, das Vertrauen zu entziehen:

Wie das so ist: Hat man erst einmal mea culpa gerufen, so hagelt es gleich Vorwürfe hinterher. Ja, der Appel! Oberhaupt! Ämterhäufung, Moderator ist er, Chefredakteur und Vertreter des seit Monaten kranken Intendanten, Kirchenvorstand und aktiv im Roten Kreuz. Faul sei er auch noch, im Büro treffe man ihn selten und schließlich gebe er sich als Parteiloser aus, der insgeheim die Fahne der Sozis schwenke. Also, so folgert Franz Josef Strauß aus Bayern: Hinweg mit Appel und formiert seine Bataillone, um in den Aufsichtsgremien des ZDF die entsprechenden Minen zu legen.

Am Streit um Appel stellt sich die ganz andere Frage: Kann ein gelernter Journalist, einer der sein Handwerk und die deutsche Sprache beherrscht, überhaupt im Fernsehen noch selbst wirkungsvoll Journalismus betreiben und gleichzeitig einen Apparat von rund 360 Leuten managen? Die Parteien sähen in ihrer unersättlichen Freßgier natürlich am liebsten getreue Apparatschiks in ARD und ZDF: hinter den Schreibtischen, vor den Kameras und als Mikrophonständer, die dann in der unnachahmlichen Manier eines Dieter Lueg den politischen Akteuren lediglich als Stichwortgeber dienen.