Von Josef Joffe

Hamburg, im März

Schmidt gibt Spannungen zwischen Bonn und USA zu“ – so stand es schlagzeilengroß in der jüngsten Ausgabe einer Hamburger Sonntagszeitung, verfaßt von einem Journalisten, der, wohl um Distanz zu bewahren, von Bonn aus beschrieb, was der Kanzler 450 Kilometer entfernt in Hamburg gesagt hatte.

Im Alstersaal des Hamburger Atlantic-Hotels, wo der Kanzler ein Essen für die Teilnehmer der zehnten Deutsch-Amerikanischen Konferenz gab, war freilich von „Spannungen“ nichts zu spüren. Im Gegenteil: Als Helmut Schmidt den Raum betrat, standen die 120 Delegierten – renommierte Politiker und Professoren, Publizisten und Wirtschaftler – spontan auf, um dem Kanzler ihre Reverenz zu erweisen. Sonst ging es zu, wie bei einer Familienfeier: Manche Amerikaner kannten Schmidt schon aus den sechziger Jahren, redeten ihn mit „Helmut“ an. Der Kanzler antwortete: Hallo Shep, Dan, Bob.

Was hatte der Kanzler wirklich gesagt? Er sprach in der Tat von „Irritationen“ – aber er zitierte dabei aus einer eigenen Rede vom Mai 1967; um seine Gäste daran zu erinnern, daß die deutsch-amerikanische Partnerschaft auf einem Fundament von gemeinsamen Werten und Interessen ruhe, die allemal stärker seien als die Streitereien und Verstimmungen der vergangenen dreißiger Jahre. Sodann folgte eine Freundschaftsbekundung der anderen: „Unsere Beziehungen sind noch nie enger und gesünder gewesen als heute.“ Und: „Wir müssen sicherstellen, daß dieser Konsensus nicht unterminiert wird, trotz des sich anbahnenden Generationswechsels in beiden Ländern.“

Wer sich an die Deutsch-Amerikanische Konferenz vor zwei Jahren in Princeton erinnert, wird Helmut Schmidt nicht widersprechen wollen. Im März 1978, zwei Monate nach Carters Amtsantritt, glich das Freundschaftstreffen einem handfesten Familienkrach. Die Deutschen argwöhnten, die Amerikaner hätten das Multimilliarden-Atomgeschäft mit Brasilien verhindern wollen; die Amerikaner glaubten, den Deutschen sei der Profit wichtiger als die Gefahr, daß Brasilien die Kernkraftwerke militärisch mißbrauchen könnte. Die Deutschen fürchteten, daß Carters rigorose Menschenrechts-Rhetorik und seine Salt-Politik die Entspannung in Europa aus dem Gleis werfen könnte. Zugleich vergiftete damals der Streit über die „richtige“ Weltkonjunkturpolitik die Beziehungen zwischen den leiden Verbündeten – eine private Konferenz war zum Spiegelbild der offiziellen Verstimmungen geworden.

Jetzt hingegen herrschte in Hamburg freundschaftliche Gelassenheit. In der Frage der atomaren Exportpolitik sind beide Länder weniger selbstgerecht und dafür um so nachdenklicher geworden. „Wir haben uns stetig aufeinander zubewegt“, meinte ein amerikanischer Professor, der vor zwei Jahren noch als Offizieller im Zentrum des Sturms gestanden hatte. Der Kanzler schien dies zu teilen. In seiner Tischrede äußerte er sich verständnisvoll über Amerikas Anstrengung, den Atomwaffensperrvertrag zu „unterfüttern“.