Von Barbara Hartl

Der Bunker“ reckte seine 20 000 Tonnen fensterlosen Betons fast von einem Tag auf den anderen 27 Meter hoch in den Pariser Augusthimmel. Der Monat war gut gewählt, denn die Einwohner der französischen Hauptstadt befinden sich um diese Jahreszeit geschlossen in Urlaub. Der gleiche Trick war hier schon im Sommer 1971 erfolgreich angewandt worden: Gegen den Wunsch Tausender Pariser räumten Bulldozer die letzten sechs Pavillons der alten. Markthallen des Architekten Baltard weg, die zum Teil an unverbesserliche Nostalgiker in Japan und den USA verhökert wurden. Der Abrißbefehl, so heute ein sozialistischen Stadtrat, sei „dem kranken Monarchen Pompidou von einer ihn belagernden Bande aufgezwungen worden“.

In Anlehnung an Baltards schirmförmige Eisenkonstruktionen tauften die Bunkerbauer auch das vor anderthalb Jahren in die Welt gesetzte blinde Monster zärtlich „Pavillon“. Hinter seinen dicken Mauern sind die Entlüftungsanlagen versteckt, die die unterirdischen Eingeweide des neuen Bauchs von Paris entsorgen, in dem es bereits heftig rumort.

Im „größten U-Bahnhof der Welt“, so die Eigen Werbung, kreuzen sich seit Herbst 1977 die Nord-Süd- und Ost-West-Stränge der Express-Metro. Darüber entsteht das in üppigen Farbprospekten angepriesene „Forum“, ein Geschäftszentrum mit fünf Kilometer langen Einkaufsstraßen. Alles was in der Pariser Modewelt Rang und Namen hat, von Yves Saint Laurent bis Pierre Cardin, hat sich hier eingemietet. Auch Kinos, Bars und Restaurants werden sich in dem verglasten, kraterförmigen Bauwerk breitmachen. Das Nachsehen haben die flapsigen „Nev-York-Chic“-Boutiquen, die rund um die Dauerbaustelle in den aufgemöbelten alten Häusern entstanden sind. Die Besitzer fürchten, daß ihre Welt ausgeflippter Künstler, Modemacher und Nippesverkäufer vom Publikum der großen Boulevards weggeschwemmt wird, das einmal das Gelände bevölkern soll.

Bis jetzt ist „le trou“ – das Loch – gut zu Hälfte gefüllt. Seit acht Jahren klafft es, 15 Hektar groß und 30 Meter tief, vor der Kircie Saint-Eustache. Großartige Pläne zu seiner Gestaltung verschlangen bisher neun Millionen Francs (so die offiziellen Zahlen, in die niemand Einsicht nehmen darf). Seit man sich 1959 für die Verlegung der Markthallen nach Rungis entschieden hatte, war die Rede von einem Sportpalast a la Madison Square Garden, von Schwimmbädern, Eislaufplätzen, einem Aquarium, einem Postmuseum, einer Mammuttelephonzentrale, einem Belle-Epoque-Museun, einem 900-Betten-Hotel, Theatern, einem Opernhaus und einem „Super-Lido“. De Gaulle hätte gern das Finanzministerium hier gesehen, Pompidou wollte das Gelände zum Vorgarten seines-Kunsttempels Beaubourg machen, der im Osten“ an das Hallenviertel anschließt und 1978 doppelt

so viele Besucher angelockt hat wie der Eiffelturm.

über die Dinge, die „im Loch“ tatsächlich vor sich gingen, wurde die Öffentlichkeit im unklaren gehalten. „Wenn hier ein Atomkraftwerk gebaut würde, könnte es nicht geheimnisvoller zugehen“, maulte die Presse. Als Valéry Giscard d’Estaing 1974 ins Elysee einzog, hatte eine private Immobiliengesellschaft bereits 20 Millionen Francs in die vierjährige Planung und den beginnenden Bau eines internationalen Handelszentrums vor der Warenbörse gesteckt. Mit einem Federstrich setzte der forsche neue Präsident dem Projekt ein Ende. Doch damit entstand nur ein Loch mehr, das „trou à Giscard“: eine überdimensionale Pfütze, in der sich satte Ratten tummeln. Der verhinderte Bauherr wurde angeblich mit 100 Millionen Francs entschädigt.