Europa hat viele Väter, aber nur einen Großvater: Jean Monnet, der vorige Woche bei Paris gestorben ist, neunzig Jahre alt. Von ihm stammten der Traum und der Entwurf, die Begeisterung und die erste Verwirklichung. Ihm ist es zu danken, daß Europa in den zurückliegenden drei Jahrzehnten der Einigung näher kam als je zuvor in den tausend Jahren seiner nationalstaatlichen Geschichte.

Jean Monnet war Realist – kein Wunder bei einem Mann, der sich als Cognac-Brenner und Bauer, als Diplomat, Bankier und Plankommissar in der Welt der Tatsachen hat bewahren müssen. Er wußte, daß Europa nicht an einem Tag errichtet werden könne. „Ich habe stets nur einen einzigen Weg gekannt. Aber es war immer ungewiß, wie lange wir unterwegs sein würden. Die europäische Konstruktion braucht Zeit wie jedes friedliche Werk – Zeit zum Überzeugen, Zeit, um die Geister und die Dinge den großen Wandlungen anzupassen.“

Dennoch hat Monnet nie eine Chance zum Handel verstreichen lassen. Wann immer sich die Gelegenheit dazu bot, beim Schuman-Plan, beim Pleven-Plan, bei der Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft – er bekniete und berannte, überredete und überzeugte; ein unermüdlicher Anwalt Europas. Ein Amt hat er nie gesucht. Er wußte, wo die Macht lag, aber er wollte sie nicht ausüben, sondern auf sie einwirken. Aus dem Hintergrund hatte er mehr Einfluß, als die meisten derer, die im Rampenlicht standen. Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, das Europa der Sechs und später der Neun – ohne ihn wären sie undenkbar gewesen.

John McCloy, der ihn seit sechzig Jahren kannte, seit der Friedenskonferenz von Versailles, hat dem ersten und einzigen Ehrenbürger Europas bei der Deutsch-Amerikanischen Konferenz in Hamburg am Wochenende bewegte und bewegende Worte nachgerufen. „Von allen Leuten, die wir erlebt haben“, sagte McCloy, selber einer der großen unseres Zeitalters, „wird wohl keiner sich länger in den Geschichtsbüchern halten als er.“ Th. S.