Kein großer Roman deutscher Sprache hat eine im Sinn bürgerlicher Disziplin so bemühende Entstehungsgeschichte. Ein junger Zürcher, kleinwüchsig und aufs Maul geschlagen, kommt 1850 nach Berlin mit dem erklärten Ziel, Theaterdichter zu werden (eine Morgenlandfahrt stand auch zur Diskussion). Was hat er hinter sich: eine Jugend im gestrengen Schutz der verwitweten Mutter; den disziplinarischen Hinauswurf aus der Zürcher „Industrieschule“ und damit aus der Bahn bürgerlicher Qualifikation; kümmerliche Jahre als Textilgrafiker und angehender Kunstmaler; als solcher hat er in München zwei Jahre gedarbt und die Rente seiner Mutter verzehrt (ein Haus war da, zum Glück, eine Schwester auch, aber die war in ihren eigenen Augen „nicht so wichtig“); seine Bilder waren teils nach dem Gedächtnis gemalte Naturstudien, teils ossianische Landschaften, ausnahmslos unverkäuflich und menschenleer. Menschen konnte der Autodidakt noch nicht, und offenbar hatte er sich auch im Medium getäuscht. Die politische Lyrik, die der Heimgekehrte in den vierziger Jahren schrieb, verschaffte ihm ein Stipendium seiner arrivierten Altersgenossen, so daß er das Menschenstudium seriöser beginnen konnte: zuerst 1848 in Heidelberg als Hörer Feuerbachs, der ihm nicht nur seinen Kinderglauben, sondern auch eine Liebe wegnahm, und dann eben in Berlin als Theater-Student. Leider gab er an, etwas ganz anderes schon so gut wie fertig zu haben: einen „traurigen kleinen Künstlerroman“, von dem er dem Braunschweiger Verleger Vieweg ein Exposé lieferte und ihn damit „ganz verliebt“ machte. Keller mochte wirklich glauben, er könne seine mißglückte Maler-Zeit literarisch schnell übers Knie brechen und mit der Nachfrage der Leihbibliotheken seine wahre Bildung finanzieren. So begann sein Elend – und das des Verlegers – mit dem „Grünen Heinrich“ und ließ beide über Kellers ganze fünf Berliner Jahre nicht mehr Jos. Erst 1855, nach einem weitern Liebesunglück, konnte der „zypressendunkle Schluß“ „unter Tränen hingeschmiert“ werden. Der nicht enden wollende Vierbänder hatte Keller nicht nur die ursprünglichen Berufspläne verdorben, sondern auch fast jeden bildenden Umgang, andere, verheißungsvollere Prosa-Projekte und den Kredit in Zürich: um so mehr, als auch der Roman alles andere als ein Erfolg wurde. Der 36jährige lief von einem Trümmerhaufen weg heim zu Mutter und Schwester. Der Berliner Literat hatte den Münchner Maler weder überholt noch ins reine geschrieben; er hätte, so schien es, nur Mißverständnis und Misere bestätigt.

Ist aus dem Stoff solcher Wanderjahre ein klassischer Entwicklungsroman zu machen? Die Resignation, auf die er hinausläuft, ist jedenfalls kein bürgerliches Lernziel. Obwohl das größte Vorbild, in seinen „Wanderjahren“, ebenfalls ein exemplarisches Individuum namens Meister wieder zur Fremde verurteilt hatte, zur Abwanderung aus der gesuchten Universalität, zum Erlernen des Ärzte-Handwerks, zur Spezialisierung der Utopie. Nur: So recht bürgerlich war diese Utopie nicht gewesen. „Wilhelm Meister oder die Wallfahrt nach dem Adelsdiplom“ lautet ein mokantes Urteil des Goethe-Verehrers Novalis – der seinen Heinrich die ständische Klippe so hoch hatte überspringen lassen, daß sie, im magischen Licht der Universal-Poesie, nicht mehr hemmte. Die großen deutschen Entwicklungsromane, vom „Titan“ bis zum „Nachsommer“, stellen den Erfolg ihres Helden immer ein bißchen abseits der sozialen Realität sicher: Sie arrangieren Residenzen und Rosenhäuser dafür. Das Angebot zum Dispens ergeht, in den Grafenschloß-Kapiteln, auch an den grünen Heinrich, nur: Es wird, mitsamt der dazu passenden Liebe, nicht angenommen. Es ist eine stärkere Bindung, die das Glück des Romans vereitelt. Bei Keller steht dafür das Bild der um alle Hoffnung betrogenen Mutter. Aber die ebenfalls symbolische und am Ende tödliche Kraft, die es über den grünen Heinrich behauptet, erschöpft sich in keiner nur psychologischen Deutung. Dahinter steht ein Begriff des gerechten Tausches, ein Gefühl für das Unerbittliche von Schuldigkeitsverhältnissen, das den Roman allerdings, und bis ins künstlerische Herz hinein, zu einem bürgerlichen Buch macht – gerade in der Schilderung des Scheiterns. Das Buch strahlt von weltlichem Ernst – vom Ernst sozialer und politischer Tatsachen, die das gewählte Roman-Muster, zur Farbe der Trauer gebrochen, durchscheinen lassen muß. Nicht weniger exemplarisch als Marx die Leidensgeschichte der Werte im Zeichen ihrer kapitalistischen Entzauberung demonstriert, entwickelt Keller die optimistische Prämisse des Bildungsromans zu Tode – ohne es zu wünschen, aber unter dem Druck moralischer Notwendigkeit und ästhetischer Ökonomie. Der „Grüne Heinrich“ führt vor Augen, daß in diesem großen 19. Jahrhundert ein neuer Handel um die menschliche Existenz in Gang gekommen war, dessen Konsequenz das Ende des Individuums als Helden-Figur bedeutet – oder umgekehrt gesagt: dessen Regeln sich dieser Held nur um den Preis seines Lebens entzieht. Der Roman macht das defekt Gewordene der klassischen Bildungs-Erwartung schon in der Wurzel deutlich: Der Dropout, der hier Künstler werden will, will in Wahrheit sich und andere für die Verluste seiner ersten Jahre entschädigen: Der „Grüne Heinrich“ ist ein Schuldbuch, den das wache soziale Gewissen führt. Nie bisher, auch nicht im „Anton Reiser“ oder bei Jung-Stilling ist Jugend so genau als Kindheit, Entwicklung als Sozialisation gezeichnet worden. Und eben so wird auch das Künstler-Schicksal präzise meßbar: als Traum, und als Verzweiflung am Träumen; als Kompensation, die – Begabung hin und Glücksumstände her – nicht gelingen durfte. Wer sich nicht in Kapital verwandeln lernt, muß liquidieren; für das Gesicht der Kunst im 19. Jahrhundert bedeutet Liquidation noch: Tränen; jene Tränen, unter denen das Ende des „Grünen Heinrich“ „hingeschmiert“ wurde. Und wer danach noch Staat machen will, muß ein guter Kaufmann sein oder dienen. Die literarische Nachkommenschaft des kinderlosen grünen Heinrich ist bei Robert Walser zu finden, den Gehülfen und Diener-Lehrlingen, die scheinbar lächelnd und ziellos durch seine Prosa spazieren.

Nach 15 Jahren ehrenhaften Staats-Dienstes hat Gottfried Keller als fast Sechzigjähriger das ungeliebte Buch seiner Jugend noch einmal umgeschrieben und die Hand, die die Urfassung wieder ausgraben sollte, zum „Verdorren“ verurteilen wollen. Er hat nicht nur das in seinen Augen Überflüssige getilgt, sondern auch dem Jugendüberfluß selber, den trostsuchenden Reflexionen und den „Nuditäten“ zu steuern versucht. Er hat seinen Helden vom Tod in ein Amt gerettet und von der Er-Form (deren Schein von Objektivität ihm zu durchsichtig, zu indiskret geworden war) in die Ich-Form. Die Erinnerung sollte als Rolle erkennbar werden, das monströse Bruchstück einer Konfession als eigene Plastik. Der Roman ist dadurch gebildeter, verschwiegener, staatsmännischer geworden, Für das Glück hat er seinen Helden nicht retten können: Darauf bestand und darin besteht sein exemplarischer Realismus. Der „Grüne Heinrich“ ist aktuell geblieben, weil er seiner geschichtlichen Stunde treu gewesen ist; aus der Gebrochenheit seiner Lebenserwartung leuchtet ungebrochen die Nähe seiner Kunst. Adolf Muschg