Wer weiß, wie Kurt Biedenkopfs Name unter jenen Gruppenantrag gekommen ist, mit dem ein Teil der Opposition sich im Parlament für die stufenweise Einführung, eines Familiengeldes stark machte? Jedenfalls: er steht unter, den 30 Namen in der Bundestagsdrucksache. Es sei beweisbar, sagt Biedenkopf, daß er nicht unterschrieben, habe. Mehr noch, er habe sich auch bei der Abstimmung in der Fraktion der Stimme enthalten. Hat die Fraktionsspitze ihn ohne sein Wissen auf ihrer Seite gebucht? Oder hat er den Eindruck erweckt, er könne zustimmen? Oder er könne beides? Es bleibt ein Eindruck von "jein".

Vergleichsweise liebevoll ging es in der Agrardebatte des Bundestags zu. Den Knicks vor den Bauern machen. alle gleich tief. Im übrigen gibt es in diesem grünen Parlament auch Witz. So entschuldigte sich Josef Ertl (Bad Wiessee) bei dem CSU-Abgeordneten Kiechle (Kempten) für ein Mißverständnis damit, daß es offenbar an dessen alemannischer Aussprache gelegen habe, "deren der Altbayer scheinbar nicht ganz mächtig ist". Worauf Präsident Stücklen (Weißenburg) einwand: "Aber wenigstens die Bayern sollten sich noch in der gleichen Sprache verständigen können." Dazu Ertl: "Aber verehrter Präsident und Franke Stücklen..."

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Der CDU-Abgeordnete Franke erläuterte in der ewigen deutschen Verwaltungssprache, es gebe heute "nur 8,7 lebendgeborene Deutsche auf 1000 Einwohner"; er mutmaßte, mit der "Bestandserhaltung der deutschen Bevölkerung" gehe es möglicherweise wegen "äußerer Einflüsse" bergab, "die von den Regierenden zu verantworten sind". Sein Wort von der "Aufzucht eines Kindes" nahm Franke später bedauernd zurück. Bundestagspräsident Carstens sah keinen Anlaß, eines der Worte zu beanstanden. Das alles darf gesagt werden im Parlament.

Beanstandet hat Carstens dafür Herbert Wehner, der dreimal hintereinander gerufen hatte: "Unglaublich, Herr Präsident!" (Darauf Wehner: "Ich danke Ihnen dafür! Sie Kavalier!") Ja, aus den stenographischen Protokollen entnahm Carstens sogar noch zwei Wehner-Worte, um sie nachträglich zu rügen. Einmal hatte der SPD-Fraktionschef den Abgeordneten Franke "Lümmel", ein andermal "Manneken-Pis" genannt. Das darf nicht gesagt werden im Parlament.

Werner Marx (CDU) hatte. eine so wunderbare Erklärung für das Verschwindet! von drei CDU-Sekretärinnen, auch seiner, aus Bonn innerhalb einer Woche, nämlich: Die Führungskräfte des Staatssicherheitsdienstes der DDR hätten ganz offensichtlich Leute abgerufen, weil sie "wahrscheinlich der Opposition und einigen ihrer, führenden Politiker vor den Wahlen in Berlin, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein schaden" wollten. Doch da berufen diese Führungskräfte – wie es aussieht – auch die Sekretärin des Staatssekretärs im Finanzministerium, Lahnstein, ab. Was nun? Bedauern schlägt wieder in bohrende Fragen um. Lahnstein, teilt die Bild-Zeitung mit, "gehört zum engsten Beraterkreis von Helmut Schmidt", die ARD plappert es prompt nach. War Lahnsteins Sekretärin womöglich Genossin? Sucht sich der Kanzler seine Staatssekretäre sorgfältig genug aus? Nach Parteibuch etwa? Fragen über Fragen also, die wir der Tatsache zu verdanken haben, daß die Führungskräfte des Staatssicherheitsdienstes offensichtlich Leute abberufen, um "der Opposition zu schaden". Gunter Hofmann