Von Wolfgang Hoffmann

Der Prozeßtermin steht seit Monaten fest: Freitag, 23. März. Prozeßort ist die 16. Große Strafkammer des Kölner Landgerichts. Prozeßgegenstand ist die größte Bankpleite der Bundesrepublik. Aber der Mann, der dem Fall seinen Namen gegeben hat, will sich drücken. Iwan D. Herstatt ist nämlich krank, angeblich so schwer, „daß jede Art von Belastung für ihn tödlich sein kann“. Jedenfalls behauptet das sein Arzt Dr. Dr. Franz Kienle, Chef einer kleinen Privatklinik in Karlsruhe.

Es waren geradezu herzzerreißende Photos, die in den vergangenen Wochen durch den Blätterwald geisterten. Sie zeigten den ehemaligen Bankier angeschlossen an den Computer besagter Karlsruher Privatklinik, wo dann die Diagnose elektronisch gestellt wurde: schwere Herzschäden. Die Kölnerin Marlies Pohlmann hat da allerdings so ihre Zweifel. Zwei Tage vor dem dramatischen Phototermin am Herzcomputer war sie Iwan D. Herstatt noch auf munterem Fußweg in der feinen Kölner Marienburgerstraße begegnet. Dem „Kölner Stadtanzeiger“ schrieb sie süffisant: „Hoffentlich hat der Arzt in der kleinen Privatklinik ihm gesagt, daß er dringend sein Gewicht reduzieren soll.“

Krank oder nicht, Staatsanwalt Manfred Willems wird erst spät Gelegenheit finden, seine 1200 Seiten umfassende Klageschrift zu verlesen. Zunächst werden die medizinischen Sachverständigen in die Arena steigen, um je nach Couleur zu beweisen oder zu widerlegen, daß die Hauptbeteiligten verhandlungsunfähig sind.

Denn der zweitwichtige Mann in diesem Prozeß ist auch krank. Dany Dattel, Herstatts Chefdevisenhändler, ist physisch und psychisch gebrochen, auf absehbare Zeit verhandlungsunfähig, lassen seine Anwälte verlauten. Die 16. Große Strafkammer sah es anders. Nach Prüfung der einschlägigen Gutachten kam sie Anfang Januar zur Uberzeugung, daß Dattel „nach seinem Gesundheitszustand und seinen intellektuellen und willensmäßigen Fähigkeiten in der Lage ist, seine Interessen in der Verhandlung vernünftig wahrzunehmen“.

Mit Herstatt und Dattel sitzen sechs weitere Angeklagte auf der Sünderbank: Bernhard Graf von der Goltz, 42, ehemals Generalbevollmächtigter der Bank, Heinz Hedderich, 46, ehemals Leiter der Auslandsabteilung bei Herstatt, Kurt Wickel, 47, ehemals Leiter der Geldhandelsabteilung, Bruno Heinen, 34, ehemals Devisenmakler der Herstatt Bank sowie die Makler Norbert Arden, 40, und Bruno Bläser, 39.

Der Vorwurf der Anklage in Stichworten: Devisenmanipulationen, Untreue, Betrug, Buch- und Bilanzfälschung, Bankrott zum Nachteil der Bank und ihrer Kunden. Der festgestellte Schaden, der sich nicht mit dem gesamten Bankverlust deckt: 220 Millionen Mark. Während der Ermittlungen mußten alle acht Beschuldigten hinter Gitter. Inzwischen freilich sind alle längst wieder auf freiem Fuß, teils aus gesundheitlichen Gründen, teils gegen hohe Kautionen.