Von Dieter Piel

Darf man die Devisen-Reserven der Bundesbank für den Kauf von Rohstoff-Vorräten oder für andere Belange von nationalem Interesse in Anspruch nehmen? Bundesfinanzminister Hans Matthöfer meint, man dürfe – doch vielstimmige Kritik hat ihn bereits wieder mutlos gemacht. Trotz aller Einwände aber spricht einiges dafür, diese Reserven zu einem Teil anders zu nutzen als in der Vergangenheit.

Hans Matthöfer hätte es sich vorher überlegen sollen, was ihn erwarten würde, als er öffentlich darüber nachdachte, ob man nicht einen Teil der riesigen Devisenreserven der Deutschen Bundesbank für den Kauf von Rohstoffvorräten verwenden sollte. Er hätte sich des alten Hjalmar Schacht erinnern sollen, des ehemaligen Reichsbankpräsidenten, der in den fünfziger Jahren einmal ähnliche Gedanken geäußert hatte – es gab nur Tadel für ihn. Oder er hätte des Kieler Wirtschaftswissenschaftler Herbert Giersch gedenken sollen – der erste Vorsitzende der sachverständigen „Fünf Weisen“ –, der die Notenbankreserven für Zwecke der Vermögensbildung mobilisieren wollte: Auch er wurde dafür heftig kritisiert – in diesem Fall sogar mit besonders gutem Grund.

Matthöfer hätte also damit rechnen müssen, daß er zumindest die Buchhaltermentalität der Deutschen alarmieren würde, einen nicht unbedeutenden Zug unseres Nationalcharakters. Sie kann es nicht ertragen, wenn man einer Notenbank, einer sehr unabhängigen dazu, Aufgaben zumuten will, die nicht ins übliche „Geschäft“ passen und, zugegeben, noch von keiner anderen Notenbank der Welt betrieben worden sind.

Doch mehr noch: Der Bundesfinanzminister ist, nach eigener Einschätzung, ein „linker Sozialist“, ohne daß er sich in der Praxis bisher hätte anmerken lassen, wie er das denn so genau meint. Einem Sozialisten aber traut man nicht nur buchhalterische Schlampigkeit, sondern auch den schieren Vorsatz zu, die soeben erbeutete Kriegskasse plündern zu wollen. „Wehret den Anfähgen“ – diese schlichte Regel mag, im konkreten Fall, sogar einiges für sich haben.

Und doch: Es müßte einmal möglich sein, unvoreingenommen und unter gerechter Abwägung aller Vor- und Nachteile darüber zu diskutieren, ob die Dollarreserven der Bundesbank – insgesamt rund 35 Milliarden – unbedingt so angelegt sein müssen, wie sie es immer waren: in Forderungen an die Vereinigten Staaten. Natürlich braucht die Bundesbank nicht selbst Buntmetalle oder Kautschuk zu kaufen, um damit der deutschen Volkswirtschaft über etwaige Krisenzeiten helfen zu können – so plump hat es ja wohl niemand gemeint.

Aber ist es wirklich so ganz abwegig, sich vorzustellen, daß die Bundesbank einen Teil ihrer Reserven in eine Art von Sonderfonds abzweigt, aus dem sie dann, natürlich mit besonders freundlichen Konditionen, Kredite für Rohstoffbeschaffungen zur Verfügung stellt, die bislang über den Kapitalmarkt finanziert worden sind? Kreditnehmer könnte ein staatliches Kreditinstitut oder ein sonstiges Staatsunternehmen sein – möglicherweise aber auch eine von der Privatwirtschaft geschaffene und deren Risiko unterstellte Einrichtung.