Großstadt-Western und Horrorfilm: „Assault“ und „Halloween“

Von Hans C. Blumenberg

Durch Anderson, ein Slum-Viertel von Los Angeles, kurvt langsam und scheinbar ziellos eine schwarze Limousine. Aus einem Fenster schiebt sich der Lauf eines automatischen Gewehrs. Im Fadenkreuz des Zielfernrohrs erscheinen die zerlumpten, betrunkenen, kaputten Menschen dieser Gegend. In Großaufnahme krümmt sich ein Finger am Abzug, aber geschossen wird erst ein paar Minuten später. Ein kleines Mädchen kommt zu Tode und der Eismann, von dem es ein „Vanilla Split“ kaufen wollte. Eine Polizeistation wird belagert, mitten in der Stadt. In Anderson beginnt eine lange Nacht des Terrors.

Es ist eine anonyme, sinnlose Gewalt, mit der John Carpenter in seinem zweiten Spielfilm „Assault on Precinct 13“ die Zuschauer konfrontiert: ein namenloser Schrecken aus dem Hinterhalt, das absolute Böse. Aus den vier bizarr kostümierten Gestalten in der schwarzen Limousine – eine von ihnen trägt den Kampfdreß der kubanischen Revolution – werden bald hunderte: fanatische jugendliche Killer, die in einer wahren Blutorgie das kleine Polizeirevier 13 stürmen. Überall liegen schließlich Leichen herum, aber dennoch herrscht gespenstische Stille. Die Angreifer benutzen Schalldämpfer, niemand wird auf das Drama aufmerksam. Kann das wirklich geschehen, an einem Tag wie jeder andere, „in the middle of the city“?

Eine beängstigendere, faszinierendere Vision urbaner Gewalt hat es im gewiß nicht gerade gewaltlosen amerikanischen Kino der siebziger Jahre nicht gegeben. Carpenters Film, der unter dem Titel „Assault – Anschlag bei Nacht“ jetzt bei uns anläuft, besitzt die Qualität eines Alptraums. Und, merkwürdig genug, die eines Western. Denn zwischen den Verteidigern des Reviers, einem jungen schwarzen Polizeileutnant, einem unerschrockenen Mädchen und zwei Schwerverbrechern – der eine, auf den der elektrische Stuhl wartet, heißt Napoleon Wilson –, entwickeln sich Beziehungen, die sehr genau an die in den Howard-Hawks-Western „Rio Bravo“ und „El Dorado“ erinnern. In denen mußte ein Gefängnis gegen eine übermächtige Bande gehalten werden. Hier wie dort gibt es chevalereske Gesten zu sehen, eine Männerfreundschaft gedeiht in den Momenten höchster Gefahr, und die Dame ist keineswegs fürs Feuer, sondern so „cool“ und „sophisticated“ wie eine echte Hawks-Lady. Sie heißt Leigh, und die Kenner ahnen, daß Carpenter sie zu Ehren von Hawks’ langjähriger Drehbuchautorin Leigh Brackett so taufte. Auch der schwarze Held trägt einen traditionsreichen Westernnamen. Er heißt Ethan, wie John Wayne in John Fords schönstem Western „The Searchers“ (Der schwarze Falke).

Carpenter also läßt die reale Gewalt der Straße, wenn auch extrem stilisiert, mit den Mythen des amerikanischen Kinos kollidieren. übersteht, entwickelt sich ein doppelter Triumph für das Medium: nicht nur für die nach vertrauten Mustern entworfenen Figuren auf der Leinwand, die so reden wie Wayne und Dean Martin in „Rio Bravo“ und manchmal auch so wie Bogart und Bacall in „To Have And Have Not“, sondern auch für einen Inszenierungsstil, den das reiche New Hollywood mit seinen Multi-Millionen-Dollar-Budgets und seinen barocken Spezialeffekten fast vergessen hat.

Ein schwarzes Vergnügen