Von Nachum Orland

Neben dem Siloach-Institut zur Erforschung des Nahen Ostens an der Universität von Tel Aviv gewinnt ein anderes Forschungszentrum immer mehr an Bedeutung – die Abteilung „zur Erforschung der arabischen Minderheit“ an der Universität Haifa. An dieser Hochschule studiert der größte Teil der israelischarabischen Studenten. Im April 1976 fand dort die erste internationale wissenschaftliche Konferenz zum Thema „Die Palästinenser und der Nahost-Konflikt“ statt. Die Vorträge sind nun veröffentlicht worden:

„The Palestinian and the Middle East Conflict“. Studies of their History, Sociology and Politics. Edited by Gabriel Ben-Dor; Turtledove Publishing; Ramat Gan (Israel), 1978; 543 S., 35,– DM.

Dieser Sammelband ist der Versuch, die historischen, politischen, gesellschaftlichen Ursachen des Palästinenser-Problems zu verstehen und Lösungsmöglichkeiten zu entwerfen. Professor Ben-Dor betont das ambivalente Verhalten jener Araber gegenüber den Palästinensern, die wie die Ägypter, Syrer, Iraker bereits in Staaten organisiert sind. Sie bekennen sich zwar zum panarabischen Gedanken und stellen sich selber als Verfechter der Rechte der Palästinenser dar. Ben-Dor sieht das jedoch in den richtigen Proportionen. Letzten Endes benutzen die Ägypter, Syrer und Iraker die Palästinenser nur als Subjekte ihrer innerarabischen und nationalen Politik. Zu dem fundierten Aufsatz Ben-Dors ist nur zu fragen, ob er das eigenständige Palästinenser-Problem, das sich längst verselbständigt hat, nicht doch unterschätzt. Die anderen arabischen Nationen können, auch wenn sie es wollten, diesen Faktor nicht außer acht lassen und etwa einen separaten Frieden mit Israel schließen.

Einige israelische Wissenschaftler, die hier zu Wort kommen, zeigen großes Verständnis, ja fast „emotionale Involviertheit“, für die Palästinenser. Sie nennen sie eine Gesellschaft ohne Staat in einer Region, wo Völker mit eigenen Staaten existieren. Darin sehen sie auch die Tragik dieses begabten Volkes. Es waren aber, so betonen sie, häufig überzogene Forderungen der Palästinenser, die zu ihrer Situation beitrugen.

Professor Jochanan Hoffmann hat sich vor allem auf die psychologischen Aspekte des Konflikts spezialisiert. Er betont, daß seit 1967 – infolge der praktischen Angliederung des Gaza-Streifens und der Westbank an Israel – nun auch die fast 500 000 israelischen Araber, die sich als eine Minderheit empfanden, stolz sind, Palästinenser zu sein. Er vergleicht diese nationale Bewegung mit dem Zionismus. Entgegengesetzter Meinung ist Amos Perlmutter, der bekannte Vertreter der israelischen Rechten. In der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) sieht er eine faschistische Bewegung nach balkanischem Muster. Andere behandeln die internationalen Verpflichtungen der PLO, so der Sowjetologe Galija Golan über ihre osteuropäischen Kontakte; Rafael Banziger betont, daß die algerische Revolution für die PLO inspirierend war, von der sie später dann auch unterstützt wurde.

Die Beiträge des Bandes, dessen vorzügliche bibliographische Hinweise für jeden Forscher hilfreich sind, spiegeln das innere Unbehagen israelischer Forscher gegenüber dem Schicksal des Nachbarvolkes wider. Für sie ist das Palästina-Problem inzwischen kein militärisches oder politisches, sondern ihr eigenes moralisches Problem. Ihre innere Unruhe wird Wirkungen haben.