Von Dietrich Strothmann

Es war bald nach dem strahlenden Sieg vom Juni 1967. Schon damals, als die Festung Israel so unbezwingbar schien, erhoben Warner ihre Stimmen:’Wenn eines Tages zwischen Israelis und Arabern Friede ausbrechen sollte, werde ein anderer Krieg beginnen – der unter den Juden selber. Dann würden, so die düstere Prophezeiung, die vielen „Unfrommen“ gegen die wenigen „Frommen“ aufstehen, die dem Staat ihre Gesetze aufzwingen; die vielen „Armen“ gegenüber den wenigen „Reichen“ ihren Anspruch auf eine gerechte Verteilung der Güter verlangen; die vielen orientalischen Juden über die schwindende Zahl der westlichen Juden hinweg Gefüge und Charakter der Gesellschaft bestimmen. Israel im Jahre 2000 bot sich den Futurologen als ein anderer Staat dar – säkular, levantinisch, ein Staat des Nahen Ostens. Dies wäre dann die späte Rache der Araber für ihre militärischen Niederlagen.

Die Vorboten dieses jüdischen Krieges meldeten sich dieser Tage: Noch während des Carter-Besuchs in Jerusalem bekam Ministerpräsident Menachem Begin zu spüren, wie stark der Widerstand in seiner eigenen Partei und der Koalition gewachsen ist. Vorsorglich nahm die Polizei 120 Mitglieder des „Blocks der Getreuen“ in Gewahrsam, die im Frühjahr 1977 zu seinem Wahlsieg beigetragen hatten. Angeblich wollten sie Carters Wagenkonvoi gewaltsam stoppen. Dann, als Begin im Anschluß an Carters Rede vor dem Parlament das Wort ergreifen wollte, wurde er von alten Mitstreitern unterbrochen. Geula Cohen, die mit ihm im Untergrund gegen die Engländer gekämpft hatte, wurde ausgeschlossen, nachdem sie demonstrativ ein Blatt Papier zerrissen und ins Mikrophon geschrieen hatte: „Das wird aus dem Vertrag – kein Friede, kein Öl – Jerusalem ... München!“ Dies war eine Anspielung auf Hitlers Täuschungsmanöver von 1938, wie auch der Vergleich Begins mit Neville Chamberlain oder die Behauptung: „Begin verkauft sein Land und Volk an den Hitler vom Nil!“

Der 65jährige, herzkranke, von den tage- und nächtelangen Verhandlungen geschwächte Begin hatte nach der Abreise Carters und der endgültigen Einigung über den Text eines israelischägyptischen Friedensvertrages noch mehr auszustehen. Zwar war ihm die Zustimmung seines Kabinetts von vornherein sicher; auch an einer klaren Mehrheit in der Knesset gab es von Anfang an keinen Zweifel. Doch mit welchen Mühen waren sie erkauft worden. Während sich die Parlamentarier die Köpfe heiß redeten, wie segensreich oder wie gefährlich das Versöhnungswerk mit den Ägyptern sei, zogen hundert Mitglieder des „Blocks der Getreuen“ heimlich im Morgengrauen zur Sinai-Stadt El Arish (die demnächst als erste von Israel geräumt werden soll) und versuchten dort, eine von insgesamt sieben geplanten illegalen Siedlungen zu gründen, aus Protest gegen Begins „Kapitulationspolitik“. Zur gleichen Zeit demonstrierte fast eine Million Israelis im ersten Generalstreik des Landes gegen die unaufhaltsamen Preissteigerungen (seit April ‚1978 ist die Inflationsrate bereits um über 53 Prozent angewachsen).

Gemessen daran sind die Drohungen einiger Gefährten Begins, aus der Partei und Koalition auszutreten, um sich in Widerstandsgruppen zusammenzuschließen, von minderer Gefahr. Die großen, schweren Entscheidungen stehen Begin ohnehin noch bevor:

Unter welchen Druck Washingtons gerät er, wenn der israelische Rückzug aus dem Sinai und die Normalisierung der Beziehungen zu Ägypten nicht in der vorgeschriebenen Weise vollzogen werden? Kann er dann auch noch, wie beim Empfang des Nobelpreises in Oslo, besänftigen: „Geduld hat kein Datum“?

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