Alljährlich lassen sich Tausende deutscher Touristen vom wundervollen Kopenhagen vielversprechender Reisebroschüren anziehen. Sie begeistern sich am farbenfrohen Trubel im Tivoli, an der Anmut der kleinen Meerjungfrau oder an den übrigen weltweit gepriesenen Sehenswürdigkeiten. Es gibt aber auch manche, die sich Kopenhagen auf andere Weise verbunden fühlen. Dresdner vielleicht, die sich in der vom Krieg kaum behelligten Stadt sogar ein wenig heimatlich fühlen, wenn sie der Leibgarde zur königlichen Residenz Amalienborg folgen und dabei die Bredgade oder die Amaliegade durchschreiten.

Tatsächlich wird es kaum eine andere Stadt geben, die die Glanzzeit der Dresdner Baukunst in solchem Maße widerzuspiegeln vermag, wie gerade Kopenhagen oder genauer gesagt, wie ein bestimmter Teil der Stadt. Vor allem hat ein noch erhaltenes Bauwerk in Dresden-Neustadt auf die Kopenhagener Rokoko-Architektur nachhaltigen Einfluß ausgeübt, nämlich August des Starken Porzellanschloß, das Japanische Palais.

Wer auf dem Schloßplatz von Amalienborg die majestätischen Fassaden der vier den Platz flankierenden Palais betrachtet, wird über die Ähnlichkeit mit dem Dresdner Stil verblüfft sein. Die Mittelrisalite der Kopenhagener Palais scheinen mit der Elbfront des Japanischen Palais fast identisch. Auch die Etageneinteilung ist die gleiche klassisch-französische: das Erdgeschoß als bossierter Sockel, darüber die hohen Fenster der Beletage und obendrauf ein niedriges Mezzanin. Die Dachregion allerdings ist anders, und ebenfalls der Grundriß.

Stellen wir uns das Japanische Palais vor: Es ist ein vierflügeliger Koloß, dessen Eckpavillons pagodenförmige Dächer tragen. Kuppelgekrönte Mitteltrakte dominieren beide Hauptfassaden: Auf der Platzseite ist es eine etwas schwerfällige Säulenvorhalle, aber an der Elbfront ein eleganter Mittelrisalit, der seine stilistischen Voraussetzungen bei Hardouin-Mansarts Architektur in Versailles sucht. Da auch die Mittelpartien der Seitenflügel schwach hervorgehoben sind, weisen alle vier Fassaden eine charakteristische Fünfteilung auf. Das ursprünglich Holländische Palais erweiterte der Zwingerbaumeister M. D. Pöppelmann für August den Starken zum Japanischen. Zacharias Longuelune prägte den Bau mit seinem nüchternen Stil der französischen Akademie, und dem Chef des Ingenieurkorps, Jean de Bodt, wird die Vorhalle auf der Platzseite zugeschrieben.

August des Stärken Traum von einem Märchenschloß aus Porzellan ging nicht in Erfüllung, seine Nachfolger sammelten lieber Gemälde und verstauten die Kostbarkeiten aus China und Meißen in den Kellern. Litt das Palais im Siebenjährigen Krieg schon Schaden, weil die Preußen es als Magazin benutzten, so brachte der Zweite Weltkrieg es an den Rand der Vernichtung. Inzwischen ist es wieder aufgebaut und beherbergt Museen für Völkerkunde und Frühgeschichte.

Der schon erwähnte Jean de Bodt, mit Longuelune Verfechter des französischen Hofbarock, hatte in seinen Diensten den jungen Dänen Nikolaj Eigtved. Dieser war als Gärtnergeselle auf die Walze gezogen, hatte in Warschau die Bekanntschaft Carl Friedrich Pöppelmanns (Sohn des Zwingerarchitekten) gemacht und war als dessen Baukondukteur nach Dresden gefolgt. Dort erlebte er die Fertigstellung des Japanischen Palais unter der Leitung seines neuen Chefs Jean de Bodt. Er sah die Frauenkirche emporwachsen, die Anfänge der Königstraße, und er ließ sich von Knöffels eben vollendeter Ritterakademie und dem Kurländer Palais beeindrucken.

Zurückgekehrt nach Kopenhagen, avancierte Eigtved bald zum führenden Architekten. Als die pietistische, aber prachtliebende Königin Sophie Magdalene ein Strandschloß am Sund bei Rungsted wünschte, schuf Eigtved das fünfteilige, vom Japanischen Palais in Dresden inspirierte Sopnienborg. Heute fristet der eingeschossige Torso jenes Schlößchens ein von Fremden kaum bemerktes Dasein an der Küstenstraße nach Helsingør.