Als nach dem letzten Kriege zum zweitenmal in diesem Jahrhundert das deutsche Auslandsvermögen verlorengegangen war, gab es für viele der vor den Trümmern ihrer Unternehmen stehenden Manager nur eine Meinung: Kein finanzielles Engagement mehr außerhalb der Landesgrenzen. Die im Ausland arbeitenden Tochterunternehmen waren während des Krieges beschlagnahmt und zum Teil nach Kriegsende an Dritte veräußert worden. Patente und Warenzeichen erlitten dasselbe Schicksal.

Allerdings setzten schon bald nach 1945 Bemühungen ein, die Beschlagnahmungen wieder rückgängig zu machen. Das geschah unter Opfern vor allem in jenen Staaten, die auf alliierten Druck in den Krieg gegen Deutschland gezogen waren, oder in neutral gebliebenen Staaten, die von den Alliierten gezwungen worden waren, deutsches Privatvermögen zu enteignen.

In Südamerika trafen sich die Wünsche der deutschen Firmen auf Rückgabe ihres enteigneten Vermögens mit denen der heimischen Regierungen, die rasch erkannten, daß die enteigneten Betriebe ohne Verbindung mit den deutschen Muttergesellschaften nicht lebensfähig waren. 1952 könnte Siemens in Brasilien den ersten Firmenrückkauf nach dem Kriege erfolgreich abschließen.

Anders sah es in den USA aus. Die Regierung in Washington tat sich schwer, das auf Achtung des privaten Eigentums beruhende internationale Recht auch gegenüber Deutschland anzuwenden. Obwohl der damalige Bundespräsident Theodor Heuss, die Bundeskanzler Adenauer und Erhard bei allen ihren USA-Besuchen immer wieder die Freigabe forderten, würde das Problem nicht befriedigend gelöst. Präsident Eisenhower bekannte sich zwar 1957 zum Grundsatz der Unantastbarkeit des Privateigentums gerade auch in Kriegszeiten und nannte dies einen traditionellen Grundsatz amerikanischer Politik, doch bekam er für seine These im Kongreß keine Mehrheit. Mehr als eine „soziale Regelung“, die den Rückgabeanspruch auf 10 000 Dollar je Bundesbürger beschränkte, wollte man nicht genehmigen. Damit waren dann allerdings auch 90 Prozent der deutschen Ansprüche befriedigt.

Aber die deutschen Firmen gingen auf diese Weise natürlich leer aus. Einen besonders zähen Kampf um ihr in den USA beschlagnahmtes Vermögen führte die Schering AG, Berlin. Die ihr bis zum Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg gehörende Schering Corporation, Bloomfield (New Jersey), war nach dem Krieg für 29,3 Millionen Dollar an einen amerikanischen Konzern veräußert worden. Wenn man berücksichtigt, daß nach der Währungsreform der Dollar noch mehr als vier Mark wert und die Schering AG nach der Umstellung ihres Kapitals von Reichsmark auf Deutsche Mark nur mit einem Aktienkapital von 22 Millionen Mark ausgestattet war, läßt sich ermessen, was die Rückgabe der amerikanischen Tochtergesellschaft für das Berliner Unternehmen bedeutet hätte.

Als dann immer deutlicher wurde, daß die Amerikaner über eine soziale Regelung der Rückgabefrage nicht hinausgehen wollten, führte die deutsche Schering ein neues Argument ins Feld. Die Schering AG, so wurde gesagt, sei im Besitz von rund 12 000 Einzelaktionären, die ihrerseits das Recht hätten, separat entschädigt zu werden. „Es ist kein Zweifel“, so betonte das damalige Schering-Vorstandsmitglied Borner, „daß Tausende unter den Schering-Aktionären wirtschaftlich viel schlechter gestellt sind als deutsche Personen oder Familien, die unmittelbar – über Eigentum in den USA verfügten.“ Auf jeden der 12 000 deutschen Schering-Aktionäre wären bei voller Freigabe des in den USA für die Schering Corporation erzielten Erlöses (nach Abzug der Aufwendungen des Feindvermögensverwalters) ein Betrag von durchschnittlich etwas über 2000 Dollar entfallen.

Um die Gegner der vollen Freigabe deutscher Vermögen in ihrer starren Haltung zu stützen, warnte Francis C. Brown, seinerzeit Präsident der Schering Corporation: „Die deutsche chemische Industrie könnte das Geld aus der Freigabe dazu verwenden, der amerikanischen chemischen Industrie Konkurrenz zu machen.“ Schering-Vorstand Börner konterte: „Was deutsche Gesellschaften im Falle der Freigabe mit den Beträgen anfangen, darüber zu entscheiden sei Sache der Aktionäre. Auf jeden Fall wird von der Berliner Schering-Verwaltung nicht erwogen, in den USA erneut eine eigene Produktionsstätte wieder aufzunehmen.“ Das war der Stand von Ende 1954.

Heute produziert auch Schering wieder in den USA, obwohl weder das Unternehmen noch seine Aktionäre auch nur einen Pfennig von dem beschlagnahmten Vermögen wiedergesehen haben. Kurt Wendt