Jahrelang war sie angekündigt worden, hatte auf jeder Funkausstellung die Neugierigen angelockt und der Fachpresse reichlich Gelegenheit zu Spekulationen gegeben. Jetzt ist sie offiziell auf dem Markt und schickt sich an, zum Multimilliarden-Dollar-Geschäft der achtziger Jahre zu werden: die Bildplatte, das Bildungs- und Unterhaltungsmedium für das Fernsehen nach eigener Wahl.

Zwei Systeme stehen zur Auswahl: die mechanisch abgetastete Zehn-Minuten-TED-Platte von Telefunken, die vor einigen Jahren kurz auf dem Markt erschien, aber wegen mangelnden Käuferinteresses schnell wieder verschwand, und die Platte nach dem von Philips entwickelten VLP-System (VLP = Video-Langspielplatte), die über eine Stunde läuft und berührungs- und verschleißlos mit einem Lichtstrahl abgetastet wird. Seit dem 15. Dezember vorigen Jahres ist sie im Handel, zunächst allerdings nur auf einem Testmarkt, in der amerikanischen Stadt Atlanta im US-Bundesstaat Georgia.

Schon der erste Verkaufstag ließ sich vielversprechend an: Schon in der Nacht vorher hatten sich Kauflustige, beflügelt durch wochenlange Intensivwerbung, vor den Ladentüren versammelt. Innerhalb weniger Stunden waren sämtliche Bildplattenspieler, das Stück zu knapp 700 Dollar, verkauft. Hunderte bezahlter Vorbestellungen, die die Herstellungskapazitäten auf Monate hinaus auslasten werden, waren aus allen Teilen Amerikas eingelaufen. Der amerikanische Medienkonzern MCA, der die Programme für die Bildplatten bereitstellt, hatte einen 80seitigen Katalog mit über 200 Titeln herausgegeben, darunter mehr als 100 Spielfilme zum Teil neuester Produktion, außerdem Koch- und Nähkurse, Erziehungs- und Gesundheitsserien, Oper und Ballett zu Preisen zwischen sechs und 16 Dollar pro Platte.

Im Laufe des Jahres soll der Verkauf auf weitere Gebiete der USA ausgedehnt werden. Wann die europäische Produktion nach dem PAL-Farbfernsehverfahren anläuft, gilt noch als ungewiß.

Die Bildplatte ist zur Zeit das Medium mit der höchsten Speicherdichte. Auf jeder der etwa 50 000 „Rillen“ – sie sind nicht wie bei normalen Schallsplatten spiralig eingeschnitten, sondern sind kreisförmig und werden nacheinander abgespielt – ist ein vollständiges Farbfernsehbild mit zwei Tonspuren gespeichert. Jede Rille ist nur etwa ein Tausendstel Millimeter breit (auf einen Millimeter kommen 600 Rillen) und so nimmt ein Bild nur die stecknadelkopfgroße Fläche von knapp zwei Drittel Quadratmillimeter ein.

Die ganze Platte hat, je nach Spieldauer, einen Durchmesser von zwanzig oder dreißig Zentimetern, ist etwa einen Millimeter dick und beidseitig spielbar. Sie rotiert bei der amerikanischen NTSC-Norm mit 1800 Umdrehungen pro Minute, nach der PAL-Norm mit 1500.

Sie besteht aus zwei Scheiben aus durchsichtigem Kunststoff, die eine hauchdünne, reflektierende Schicht tragen. Die beiden Scheiben sind mit der Schichtseite zueinander zusammengeklebt, so daß die informationstragende Reflektionsschicht allen äußeren Einflüssen wie Kratzern oder Schmutz entzogen ist. Das Prinzip des Abspielens ist einfach, erfordert aber ein Höchstmaß an Präzision. Ein haarfeiner Lichtpunkt, erzeugt von einem winzigen Halbleiter-Laser, exakt geführt und zentriert von einem kleinen Computer, tastet Zeile für Zeile ab, liest die darin in digitaler Form (Ja-Nein-Signale bzw. Strom/Nichtstrom) gespeicherten Impulse und führt sie dem Computer zu, der sie in normale Fernsehsignale umwandelt und über die Antennenbuchse dem TV-Gerät zuführt. Die Ablesegeschwindigkeit ist beliebig steuerbar, so daß auch Zeitraffer, Zeitlupe und Standbild sowie schnelles Auffinden bestimmter Stellen möglich ist. Auf jeder Rille ließe sich auch ein jeweils anderes Bild unterbringen, so daß auch zum Beispiel Bücher gespeichert werden könnten: etwa 50 000 Seiten pro Platte!