Von Werner Dageför

Der blaue Formel-III-Rennwagen kommt leicht driftend aus der Jochen-Rindt-Kurve, erreicht die lange Hochgeschwindigkeitsgerade vor Start und Ziel und wird dann brutal abgebremst, um den Eingang der Boxenstraße nicht zu verpassen. Sekunden später steht der Wagen an den Boxen. Der Fahrer schiebt das Visier seines Sturzhelmes hoch. Er läßt sich die letzten Rundenzeiten geben und erteilt dann die Anweisung, einen Satz neuer Rennreifen aufzuziehen. Drei Mechaniker gehen an die Arbeit, kurz darauf schießt der Wagen erneut auf die Rennstrecke.

„Das ist heute schon das dritte Mal, daß der neue Slicks montieren läßt“, verrät mir der junge Assistenzarzt aus Heidelberg, „immerhin kostet jeder Rennreifen so rund 400 Mark.“ Als ich mich vorsichtig erkundige, warum denn ein derart großer Gummiverbrauch notwendig sei, weil an den ohnehin profillosen Rennreifen mit bloßem Auge kein Verschleiß festzustellen sei, erhalte ich meine erste Lektion: „Das merkt man an den langsameren Rundenzeiten. Die Haftungsgrenze der weichen Slicks wird geringer.“

Mein Gesprächspartner und die fünf oder sechs anderen jungen Herrn in den ölverschmierten Rennoveralls bewundern den hart trainierenden Reifenvernichter. Sie sind allesamt hier zum österreichring unweit von Zeltweg in der Steiermark zusammengekommen, um das zu erlernen, was ihr Vorbild gerade so eindrucksvoll demonstriert: Rennen fahren.

Den Traum von der Motorsportkarriere soll ihnen die „Jim Russell International Racing Drivers School“ erfüllen helfen. Das Unternehmen offeriert Rennfahrerkurse für Anfänger. In der Ausschreibung stand: „Ein Programm für harte, dynamische Männer und mutige Mädchen!“ Die Mädchen habe ich nicht getroffen, und die „harten, dynamischen Männer“ entpuppten sich als Durchschnittsbürger im Twenalter, vom Studenten bis zum Maurergesellen.

Neben den geforderten weichen Turnschuhen haben die potentiellen Piloten auch noch rund 2000 Mark in bar mit an die Rennstrecke gebracht. Soviel kostet nämlich der fünftägige Lehrgang (montags bis freitags). Im Preis enthalten sind theoretischer Unterricht, Sturzhelm, Overall, Rennwagen und Treibstoff, Betreuerteam, Benutzung der Rennstrecke sowie Haftpflicht- und Unfallversicherung. Die 20 Mark pro Übernachtung und Frühstück in der Pension Enzinger direkt am Ring fallen da kaum noch ins Gewicht.

Nach einigen theoretischen Erläuterungen über Driftwinkel, Kurvenradius und Ideallinie werden die Kursteilnehmer das erste Mal ins überaus enge Cockpit gelassen. Mit Rennfahren hat das noch nicht viel zu tun, denn es sind nur ganz geringe Drehzahlen in dieser ersten Lektion erlaubt. Wer sich nicht darum kümmert, muß die Lektion wiederholen und natürlich auch nochmals dafür bezahlen. Kein Wunder also, daß sich alle an das zulässige Schleichtempo halten.