Horaz würzte seine Satiren mit „italischem Essig“; für Quintilian war die Satire ein spezifisch römisches Gewächs; Martial log dem Kaiser frech ins Gesicht, seine Epigramme seien zwar lasziv, er selbst aber untadelig in der Moral. Römischen Essig bester Qualität kann man auch heute genießen, wenn man neben Latein und Italienisch ein bißchen Romanesco lernt. Dieser Dialekt, den man in den Kramläden und Kneipen von Rom spricht, hat die Kraft bewahrt, Menschliches und Allzumenschliches unzweideutig auszudrücken. Und die menschliche Komödie in der Ausdrucksweise der römischen Plebs versteht jeder.

Doch selbst die bescheidene Mühe, sich die lautlichen Merkmale und ein paar Vokabeln in Romanesco zu merken, bleibt dem erspart, der eine zweisprachige Sammlung zur Hand nimmt –

Giuseppe Gioachino Belli: „Die Wahrheit packt dich... – Eine Auswahl seiner frechen und frommen Verse“, vorgestellt und aus dem Italienischen übertragen von Otto Ernst Rock, mit einem Essay von Gustav René Hocke; Heimeran Verlag, München, 1978; 291 S., Abb., 36,– DM.

Von Bellis 2279 Sonetten hat Rock mehr als hundert aus dem Romanesco (nicht: „aus dem Italienischen“) übersetzt: glücklicherweise nicht in Kölsch oder Berlinisch, sondern in unsre Umgangssprache, die alles umfaßt „bis hin zum Vulgären und Obszönen“. Daran herrscht bei Belli kein Mangel: Er hat dem Volk aufs Maul geschaut und nimmt selbst kein Blatt vors Maul. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern (unter ihnen Heyse und Vossler) scheut auch Rock ein freies Wort nicht, obwohl er natürlich manche Opfer an Wörtlichkeit bringen muß.

Kurioserweise hielt Belli den Dialekt für ein „korruptes Italienisch“. Warum schrieb er dann in Romanesco? Nun, weil er Römer war und Dialektdichtung in Italien Tradition hatte, besonders in der Satire. Sie richtet sich hier gegen Papst und Kirchenstaat, was freilich nicht verhindert, daß Belli (1791–1863) am Ende seines Lebens in päpstliche Dienste tritt und vom Papst für fromme Verse in der Hochsprache ausgezeichnet wird. Der Literarhistoriker Francesco Flora trifft die Situation: „Satire gegen die Päpste? Gewiß. Doch könnte Belli immer sagen, was er über Papst Gregor (XVI.) schrieb: Er habe ihn gern gemocht, weil er ihm Gelegenheit gegeben habe, schlecht von ihm zu sprechen.“

Im Nachwort meint Hocke, „daß Belli der tragischen Menschheitsvision eines Augustinus, eines Dante ..., vor allem Michelangelos in dessen Alterssonetten angenähert werden kann“. Das nenne ich hochgegriffen. Und so werden zahlreiche Autoren bis hin zu Rühmkorf oder Pasolini durch ein kupplerisches „wie“ zu Belli in Beziehung gebracht. Nur an den Pasquino, an Pascarella und Trilussa denkt Hocke so wenig wie Rock, obwohl sich der Vergleich mit deren Romanesco-Versen aufdrängt. Doch wo Rock in seinem zuweilen aufgeblähten Kommentar die korrupte Atmosphäre des Kirchenstaates aus Dokumenten der Zeit vergegenwärtigt, wirkt er bellihaft plastisch und unliterarisch.

Nur – weshalb so viel Flüchtigkeiten, Wiederholungen (vier Sonette sind zweimal abgedruckt!), Italianismen („Romantizismus“), Zeichen- und Druckfehler? Hat sich kein Lektor, kein Korrektor eines Textes erbarmt, der mehr Sorgfalt verdient hätte? War man wieder einmal Sklave eines Termins? Horst Rüdiger