Von Armin Klein

Wer nach Mallorca reist, darf sich des mildabschätzigen Lächelns der „Kenner“ gewiß sein: Bilder überfüllter Strände vor C’an Pastilla und Arenal tauchen auf, rund um die Ohr lärmender Diskotheken und an jeder Straßenecke uniformer Kneipen, die „Rippchen mit Kraut“; und „Pils vom Faß“ oder für die Nachmittagsstunden „Kuchen- wie zu Hause“ mit „echt deutschem Kaffee“ anbieten. Der heimische Herd im spanischen Ausland. Mallorca, so scheint es, kann seinen Ruf nicht mehr verlieren: Er ist seit Jahren dahin.

Kann es, so fragt ein in den letzten Jahren erschienener „Guia secreta“, also ein, geheimer Reiseführer der Balearen; auf diesen Inseln überhaupt noch einen „unentdeckten“ Flecken geben? Einen Platz, auf den noch nicht Tausende von Touristen ihren Fuß gesetzt haben, eine Sehenswürdigkeit, die nicht von Souvenirbuden umstellt ist, eine reizvolle Landschaft, in der nicht eine berüchtigte „Barbacoa“-Hazienda ihre Bänke für allabendliche Massenabspeisungen aufgeschlagen hat? Die Autoren des Führers sind skeptisch und wollen die selbstgestellten Fragen eher mit Nein beantworten. Doch anschließend widerlegen sie auf fast 500 Seiten ihre Skepsis und zeigen die Inseln Menorca, Ibiza, Formentera und Mallorca in einem ganz neuen Licht. Bei diesen Widersprüchen fällt einem ein Satz ein, der oft von den Mallorquinern lachend-selbstbewußt, stolz-ironisierend in allen möglichen Situationen zu hören ist: „Todo es possibile en Mallorca“ – alles ist möglich auf Mallorca.

Die Gegensätze liegen eng beieinander: An der Ostküste befinden sich die weltberühmten Cuevas de Drach, riesige Höhlen mit einem unterirdischen See; das Ganze grell beleuchtet und musikalisch begleitet von einem Orchester, das den Tausenden von Schaulustigen, die jeden Tag in Bussen von der ganzen Insel herbeiströmen, aufspielt. Doch nur wenige Kilometer entfernt davon sind die nicht minder schönen Höhlen von Arta, in die nur wenige Fremde ihren Fuß setzen, obwohl sie es an Schönheit durchaus mit jenen von Drach aufnehmen können.

Unweit der Straße Palma–Alcudia, eine der fünf Hauptverbindungsstraßen, die sich wie die Finger einer Hand von der Haupststadt ausgehend über die Insel wegspreizen, liegt die Einsiedelei von San Miguel bei Campanet. Steht man in der kleinen Kirche aus dem 13. Jahrhundert mit den teilweise noch erhaltenen Deckengemälden aus dieser Zeit, zieht man aus dem alten Ziehbrunnen der Einsiedelei eiskaltes, klares Wasser aus der Tiefe, vergißt man, daß nur wenige Kilometer weiter, in Inca, einer der größten Industriestädte im Zentrum der Insel, die hauptsächlich von der Lederverarbeitung lebt, täglich Hunderte von Reisebussen die Fabriken ansteuern.

Um das „andere“ Mallorca kennenzulernen, ist der Winter eine gute Jahreszeit: bei milden Temperaturen um 20 Grad und ohne die Nebenerscheinungen des .sommerlichen Massentourismus. „L’illa calma“ zeigt sich dann von ihrer besten Seite.

Mallorca, die größte der vier balearischen Insein, weshalb sie auch „Majorca“ heißt, also die „größere“ Insel im Vergleich zu Menorca, der kleineren. Den Namen „Balearen“ erhielten die vier Inseln Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera von dem berühmten Stamm der Balearii, die für die geschickte Handhabung der Schleuder bekannt waren und mit dieser Waffe verhinderten, daß im Jahre 1205 der Admiral Magon die Insel erobern konnte.