Zehn Männer und Frauen sitzen in einem Kreis. Herein kommt ein Mann, der sogleich aufgefordert wird, sich auszuziehen. Inmitten der Gruppe beginnt er seine Kleider abzulegen, bis er splitternackt dasteht. Der Mann hat Angst; er schwitzt. Er wird aufgefordert zu erzählen, was er empfindet, wenn er vor einer Frau seine Genitalien entblößt. Der Mann zeigt stärkere Angst. Aus den Achselhöhlen läuft ihm Schweiß den nackten Leib herunter.

Einer aus der Gruppe legt ihm eine Elektrode an: sie mißt seinen Hautwiderstand. Scheint der Mann sich an die Situation zu gewöhnen, rückt die Gruppe ihre Stühle näher an den Nackten heran. Dann rinnt der Angstschweiß wieder. Immer, wenn der Mann phantasiert, was die Frau beim Anblick seines Genitals wohl denke und fühle, greift die Gruppe korrigierend ein. Die Sitzung wird siebenmal wiederholt, bei ungenügender Wirkung öfter.

Der Mann ist Exhibitionist. Die Gruppenmitglieder sind Ärzte und andere Universitätsangehörige. Was sie tun, ist Verhaltenstherapie, ein spezielles Programm an der Psychiatrischen Klinik der Universität Melbourne (Australien) zur Behandlung straffällig gewordener Exhibitionisten.

Auf meine Anfrage im Sexologischen Institut der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf bekomme ich die Auskunft, von ähnlichen Therapieversuchen in der Bundesrepublik sei nichts bekannt. Sie seien auch „weder therapeutisch noch ethisch zu verantworten“. Die Stellungnahme kommt spontan. Das ist beruhigend, wenn auch nur im Hinblick auf dieses Institut und diese spezielle Fragestellung.

Die qualvolle Prozedur der Psychiater Ivor Jones und Dorothy Frei soll nur Beispiel sein, wie gelegentlich – und zwar auch in der Bundesrepublik – „psychotherapeutisch“ oder „verhaltenstherapeutisch“ mit Menschen umgegangen wird, die unter bestimmten Affekten und Verhaltensweisen leiden und/oder andere lassen: grausam, entwürdigend, verächtlich.

Die Frage kann nicht lauten: Wie wirksam sind derlei Therapien? Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Die Frage ist: Wird hier nicht – und wo noch? – der „Therapeut“ zum „Täter“? Ist nicht das, was bei dem einen vielleicht krankhaft, also irrational, unkontrollierbar wirkt, bei dem anderen kriminell, weil vollständig kontrolliert oder mindestens doch rationalisiert? Denn was tut der Therapeut hier anderes als der Täter, den er behandelt? Beider Ziel ist es, zum eigenen Lustgewinn größtmögliche Angst zu verursachen. Während den Exhibitionisten hernach jedoch Scham und schlechtes Gewissen plagen, publiziert der „Helfer“ stolz seine Erfolge in einer Fachzeitschrift. Und wohl nur, solange er im Interesse eines anderen oder gar aller anderen zu handeln vorgeben, kann, hält er selbst auch aus, was er seinem „Opfer“ antut.

Gewiß, jede Therapie sucht Leidenden zu helfen. Vielleicht enthebt das Bemühen um Effektivität die Helfer aber auch allzuleicht der Mühe um die Erkenntnis, wo und wodurch wieviel Leid entsteht. Elena Schöfer