Von Georg Jappe

Es bleibt viel aufzuholen, nachzuentdecken bei Rolf Dieter Brinkmann. Nicht nur das erwartete Rom-Buch „Blicke“, das Rowohlt nun für Juni 1979 ankündigt. Im „Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold, fehlen allein sechs Gedichtbände Brinkmanns zwischen 1962 und 1969 – bezeichnenderweise die in kleinen (oft vergänglichen) Verlagen in geringer Auflage erschienen. Und nur ganz wenige Gedichte aus diesen bibliophilen Ausgaben kehren wieder im ersten Band bei Kiepenheuer & Witsch, „Was fraglich ist wofür“. Dort heißt es im Klappentext: „... hat seit Jahren auch Gedichte geschrieben.“ Nicht auch: ununterbrochen.

Dieser Tage ist in Köln Brinkmanns erster Gedichtband aufgetaucht, und zwar in der gesamten Auflage von 500 Stück, es fehlen nur ein paar seinerzeit verschenkte Exemplare –

Rolf Dieter Brinkmann: „Ihr nennt es Sprache – Achtzehn Gedichte“; Klaus Willbrand Verlag, Leverkusen, 1962; Vertriebsadresse: Antiquariat Gundel Gelbert, St.-Apern-Str. 4, 5000 Köln 1; 31 S., 60,– DM.

Das fast quadratische Heft in rotem Karton hat eine bewegte Geschichte. Brinkmann und Willbrand waren damals beide in der Buchhandlung Witsch tätig. Der zweiundzwanzigjährige Brinkmann hatte bereits, einzelne Gedichte publiziert, und zwar in Neues Rheinland, blätter und bilden, Die Welt und in der Eremiten-Anthologie „Alphabet 61“. Der noch jüngere Willbrand wollte mit Gedichten seines Freundes einen Verlag gründen. Es sollte sein einziges Buch bleiben.

Brinkmann signierte etwa 100 Exemplare – in einer merkwürdigen schülerhaften Schrift –, entdeckte dann sechs Druckfehler und zog die Publikation zurück. Die Druckfehler sind harmlos, wovon man sich an Hand eines korrigierten Exemplars überzeugen kann.

Sehr viel wahrscheinlicher ist der Erstlings-Schock: Gedruckt wurden ihm die Texte fremd. Der Band ist „Dem roten Rühmkorf“ gewidmet – der hat nie ein Exemplar bekommen und hat jetzt erst von dem ihm gewidmeten Band eines Dichters gehört, den er persönlich nicht kannte.