Was also hält man von der Scheidung? Von welcher unter den hunderttausend? Na, von der! Mittels Korridor-, Fahrstuhl- und Kantinendemoskopie, mithin auf dem Wege des Bürotratsches, habe ich ermittelt: Die einen sind dafür, die anderen sind dagegen, und einigen ist es gleichgültig.

Doch so ganz egal ist sie keinem und keiner, die Ehescheidung im Hause Brandt zu Bonn. Und darum dürfen, nein, müssen diese Zeilen hier gedruckt sein.

Verehrte Leserinnen, liebe Leser, die Sie allesamt die ZEIT lesen, weil die ZEIT kein Larifari-Blatt für Zeitverschwender ist, fühlen Sie sich, bitte sehr, versetzt – an den Konferenztisch in der Redaktion:

Nahost, Weltwährung, Theaterereignis und auch Fußballbundesliga sind abgehandelt. Erster Leitartikel? Zweiter Leitartikel? Feuilletonaufmachen? Alles klar. Und hinein in die mühsam hergestellte Themenordnung platzt die Frage: „Und die Scheidung?“

Witzig ist das gar nicht. Für eine Wochenzeitung, die nicht auf dem Boulevard flaniert, ist das ein Problem. Die Lösung? Vielleicht ein halbes Dutzend Sätze, kühl, registrierend, im politischen Teil; einer mehr wäre, politisch seriös genommen, schon zuviel. Prompter Einwand: „Aber reicht das aus? Alle reden davon. Wir reden davon! Unsere Leser haben ein Recht..

Die Konferenz wird zum Palaver; und Sie, verehrte Leserinnen, liebe Leser, erleben ein Lehrstück und verstehen nun, wie das im Prozeß des Zeitungsmachens unausweichlich wird: Was alle bereden und keinen völlig kalt läßt, muß auch aufgeschrieben sein.

Wozu schließlich hat die ZEIT einen Teil, der nicht einfach „Leben“ heißt, sondern „Modernes Leben“?