Von Nina Grunenberg

Kulturkampf in München: seit Wochen, ja Monaten wird in der bayerischen Landeshauptstadt um die Kunst der Gegenwart gestritten. Die Welt der Künstler und Kulturpolitiker, der Kritiker und Sammler, der Galeristen und Museumsdirektoren zerfällt hier neuerdings nur noch sauber in die "Enkel des Götzen Duchamps", die die ewigen Werte mit Füßen treten, und in die orthodoxen Hüter von Münchens gefeiertem kulturellen Erbe, die auf die Erhaltung der Maßstäbe pochen. Im Aufruhr der Gefühle, der die Feuilleton- und Leitartikelspalten der Münchner Zeitungen füllt, die Künstlerstammtische in der Gaststätte "Leopold" in Schwabing beherrscht und den Stadtrat letzthin in einer Weise aufputschte, der ältere Leute an die schrillen Töne des "NS-Kampfbundes für deutsche Kultur" erinnerte – in diesem Aufruhr setzten die Beteiligten schon alles aufs Spiel, was ihnen bei gutem Wetter heilig ist: die Freiheit, die sie meinen, die Toleranz, die sie brauchen und den Mythos von der leuchtenden Kunststadt München, an dem jetzt wieder einmal der Zweifel nagt.

Was ist passiert? Ist es ernst? Manchen Leuten ist es so ernst, daß sie vom Emigrieren reden. Solche Gespräche entspannt Wolfgang Ebert, als politischer Satiriker seit zwölf Jahren in der Münchner Szene zu Hause, mit sanfter Ironie. "Emigrieren?" fragt er: "Wohin? Nach Aachen?" Weil er sich noch daran erinnern kann, wie die SA die Ateliers stürmte, um nachzusehen, was gemalt wurde, betrachtet er den Münchner Kulturkampf anno 1979 zwar besorgt, aber gelassener. So weit ist es noch nicht. Aber wie ist so viel Verstörung dann zu erklären? Einfach ist die Sache nur für die Freunde gerader Beweislinien: Für sie ist die CSU-Mehrheit im Münchner Stadtrat im besonderen schuld und Franz Josef Strauß im allgemeinen. Aber da wird es schon schief: Mittlerweile trifft man in München über jeden linken Argwohn erhabene Intellektuelle, die fest daran glauben, daß Franz Josef Strauß ein Ausbund an Liberalität ist – verglichen mit seinen Parteifreunden, die im Stadtrat als CSU-Stimmführer in Kulturfragen von sich reden machen.

Aufgerissen wurden die Gräben für den sogenannten Kulturkampf womöglich schon 1972 bei den Olympischen Spielen. Damals machte sich Laszlo Glozer, der Kunstkritiker der Süddeutschen Zeitung – von Geburt Ungar, von Natur sanft aber beharrlich – für avantgardistische Kunst auf dem Olympiagelände stark. Als "unsichtbare Skulptur" propagierte er ein "Denkloch", gegraben von dem Amerikaner Walther de Maria. Aus dem Plan wurde nichts, die Münchner begriffen das "Denkloch" nur als Unverschämtheit, aber die verstörende Wirkung des Projekts blieb in der Erinnerung hängen. Etwa zur gleichen Zeit kritisierte Glozer auch die konservative Anschaffungspolitik der Staatlichen Bayerischen Museenverwaltung und meinte, die klassischen Schaustücke, die gekauft würden, trügen nur "der Opern-Seite der Landeshauptstadt Rechnung". Seine Empfehlung: den zögernden Eintritt der Museen ins zwanzigste Jahrhundert etwas zu beschleunigen und den Anschluß an die Gegenwartskunst nicht nur den Privatgalerien auf der Münchner Maximilianstraße zu überlassen.

Unbeeindruck vom Niedergang

Professor Dr. Erich Steingräber, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Spezialist für Augsburger Goldschmiedekunst, hat das nie vergessen. Damals sagte er nichts. Wie viele andere staute er seinen Ärger auf und hielt sich und seine Gemäldesammlungen in selbstgewählter Isolierung von allen avantgardistischen Diskussionen fern. Erst 1978, in einer bei Piper erschienenen Festschrift für den Münchner Rotary, schrieb er sich zum Erstaunen, ja Entsetzen vieler die Wut und den Kummer eines zutiefst gekränkten Museumsfachmanns von der Seele. Seit den zwanziger Jahren, als Marcel Duchamps am Piedestal des Museums rüttelte und die Kunst – "liquidierte, ohne Ersatz anzubieten", seitdem kämpfen Musik, Literatur, Bildende Künste nach Steingräbers Überzeugung alle "Hand in Hand mit dem politischen Anarchisten für die permanente Revolution, nur mit dem Vorteil der Immunität, die Ihnen die staatlich garantierte künstlerische Freiheit gewährt. Sie kämpfen ohne künstlerische Legitimation gegen alle Autoritäten und Normen, vor allem -natürlich auch gegen die ‚repressive’ Vaterfigur der staatlichen Ordnung".

Darüber kann er noch heute so wütend werden, daß er alle Contenance verliert und am liebsten jedes Gespräch sofort abbrechen würde.