Von einem Prominenten, der mir höchst gleichgültig war, erhielt ich, der ich ihm höchst gleichgültig war, einmal einen schönen Geburtstagsbrief. Doch als ich ihn kurz darauf traf und mich bedankte, wußte er von nichts. Es war seine Sekretärin gewesen, die mir mit Hilfe seiner Unterschrift herzlich gratuliert hatte.

Daraus sieht man, daß Sekretärinnen prominenter Leute, die ihrem Chef Briefe zur Unterschrift vorlegen, viel Gutes tun können. Aber es kommen auch andere Fälle vor.

Periodisch häufen sich Meldungen, daß prominente Politiker von ihren Sekretärinnen ausspioniert wurden. Ist es schon problematisch, wenn solche Mitarbeiterinnen ihr Wissen über die Prominenten an deren Ehefrauen weitergeben (was häufiger vorkommt als diese Herrschaften ahnen), so ist es geradezu unangenehm, wenn Geheimnisse aus dem Amtsbereich ans Ausland weitergeleitet werden, womöglich an ein übelwollendes Ausland. Dann nützt es wenig, stereotyp zu sagen: „Sie hat nichts gewußt. Wir haben sie an nichts Wichtiges herangelassen!“ Wer glaubt das schon? Das ist doch ähnlich so, wenn eine Verhandlung, die schiefging, nachträglich mit dem erfreulichen Etikett versehen wurde: Es war ein offenes Gespräch.

Es hat auch keinen Sinn, daß die Linken den Rechten vorwerfen, sie hätten Dreck am Stecken, oder die Rechten den Linken. Parteizugehörigkeit der ausspionierten Prominenten spielt keine Rolle. Jeder kann ausspioniert werden, ohne Ansehen der Person oder der Partei. Diese Gefahr ist permanent.

Man kann sich aber gut vorstellen, wie dem prominenten Politiker zumute ist: Er kommt ins Büro. Keine Sekretärin. Möglich, daß sie sich „verschlief“, daß sie mit ihrem Volkswagen eine Straßenbahn rammte. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten: Der Tag vergeht, eine Woche schwindet dahin, die Nervosität steigt. Da findet man in einer Zeitung des anderen Deutschlands die kleine Notiz, daß wieder einmal aus der korrupten BRD eine totanständige Beamtin oder Angestellte in die korrekte DDR übergetreten sei. Da glaubt der Prominente, daß seine langjährige Sekretärin Grippe habe, doch in-Wirklichkeit sitzt sie längst in Ostberlin und lacht sich schief: Sie ist heimgekehrt.

Es scheint, daß wir zwei Prototypen unterscheiden müssen. Die einen werden den Prominenten zugeschickt mit dem Auftrag, sie auszuspionieren. Weil diese Tätigkeit hauptsächlich zwischen Ost- und Westdeutschland, also in Ländern gleicher Sprache, ausgeübt wird, sind ausländische Sprachkenntnisse nicht nötig, wie dies früher bei besserer Spionagetätigkeit der Fall war, sondern heute können auch bescheidenere Schreibkräfte sich ein paar Pfennig nebenbei verdienen. Wer sollte auch gleich darauf kommen, daß die Dame, die den Kaffee kocht und in unbeschäftigten Momenten an einem Pullover strickt, eine Mata Hari ist und daß ihr Wams für einen Ostfunktionär war.

Andere sind in aller Unschuld in den Dienst des Politikers gekommen. Nehmen wir sogar an, daß sie nicht einmal hübsch waren, sondern von den Ehefrauen ausgesucht wurden. In dem Maße aber, wie sie das Vertrauen ihres Chefs gewannen, wurden sie für die Geheimagenten aus dem Osten interessant, umarmt und „umgedreht“, wie der Fachausdruck lautet. Unter diesen gibt es solche – und dieser Typ scheint bisher zu wenig beachtet worden zu sein –, die Geheimnisse deshalb verraten, weil es hübsch ist, Geheimnisse zu verraten: Höherer Klatsch, zu dem der Prominente selber der Anlaß ist. Er gibt an! Er meint wunder, wer und was er wäre mit seinen so viel höheren Bezügen und seinem angeblichen Wissen und seiner eingebildeten Bedeutung und seinem dicken Dienstauto und seinen Gorillas, die auf Schritt und Tritt hinter ihm herdackeln. Und vertieft sich erst die mit diesen Worten angedeutete Stimmung zwischen Sekretärin und Chef, da braucht dann nur einer zu kommen: „Na, wollen Sie den Alten ein bißchen ausspionieren?“ Schon sagt sie: „Aber gern.“

Uberflüssig zu sagen, daß wir die ganze Zeit und von A bis Z von Ausnahmeerscheinungen reden. Doch sind gerade gegen tüchtige, wenn auch falsche Sekretärinnen Abwehrmittel schwer zu finden, es sei denn die: Ein Staat teilt dem anderen freiwillig mit, was er wissen möchte. Es kommt ja doch heraus. Wege über Spione sind nur Umwege. Kann man sie nicht ersparen?