Ein Verzicht auf Anklagen

Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Für den Menschen, nicht für eine abstrakte „Menschheit“, engagieren sich letztlich sowohl die Religion als auch die Politik – wenn sie nicht zum Selbstzweck werden. Müssen sich aber Politiker, zumal die Ideologen unter ihnen, als Missionare oder gar als „Päpste“ gebärden – und Päpste als Politiker? Daß auf solche Weise über die Menschen mehr Unheil als Heil gebracht wurde, ist die Oberzeugung eines Mannes, der sich zum Papst der römischen Kirche wählen ließ („gehorsam, bewußt der großen Schwierigkeiten“, wie er sagte), der jedoch entschlossen ist, sich nicht als Politiker zu betätigen – nicht einmal im eigenen, innerkirchlichen Raum. Aus dieser Grundposition bezieht die erste Enzyklika Johannes Pauls II. ihr eigentlich neues, erregendes Element: der Rückzug der Kirche auf die ihr eigene Mission (auf ihren religiösen Dienst, nicht etwa auf sich selbst) soll sie erst recht fähig machen, ihre Botschaft allen Menschen, allen Systemen vorzuhalten. Die Kirche zur Welt zu öffnen, soll nicht heißen, sich mit der Welt einzulassen, sondern diese zu veranlassen, sich selbst dem Evangelium zu öffnen.

Eigenhändig niedergeschrieben

Ein widersprüchliches Unterfangen, ein bloß frommer Wunsch? In den letzten Jahrzehnten waren die Päpste in der Nachhut des „Zeitgeistes“ marschiert, ohne freilich je mit ihm (und seinen Verirrungen) Schritt halten zu wollen. Modernes und Modisches, Theologie, Soziologie und Politologie waren – mal geschickt, mal krampfhaft – in die klassischen Formen des Kuralstils gegossen worden. Die Enzykliken und anderen päpstlichen Lehrschreiben waren fast immer Meisterwerke von Formulierungskünsten gewesen, in denen sich systematische Teamarbeit von Experten widerspiegelte – meist so glatt und glänzend, als sei die biblische Botschaft aus lateinisch-römischen Denkart entstanden und schon deshalb universal passend und anpaßbar. Diesem Stilzwang ganz zu entgehen, war nicht einmal Johannes XXIII. gelungen, der manche alte Wahrheit auf ihren einfachen Kern so zurückführte, daß sie wie neu erschien. Dagegen bedeutet die erste Enzyklika, die der Wojtyla-Papst nun „an alle Menschen guten Willens“ gerichtet hat, nahezu einen Stilbruch.

Der fromme Pastor, Philosoph und Poet aus Krakau hat eigenhändig in vielen Wochen, Satz für Satz, ohne rigorose Systematik niedergeschrieben, was ihn sein ganzes Priesterleben lang bewegt hat, was er immer schon einmal im großen Zusammenhang sagen wollte, möglichst gemeinverständlich und so, daß es Kopf und Herz eines jeden, auch des hartgesottenen Skeptikers erreichen kann. Dieser Papst spricht nicht die Sprache des obersten Funktionärs in der Verwaltung von Glaubensdogmen, so sehr er auf deren herkömmliche Konservierung achtet. Selbst die „Unfehlbarkeit“, die er einmal erwähnt (als Gewähr für die Kirche, in der Wahrheit zu bleiben), verliert jede anmaßende Härte bei einem Pontifex, der auf das majestätische „Wir“ verzichtet und sich – zum erstenmal in der Geschichte der Enzykliken – vor relativierenden Floskeln nicht scheut („so meine ich“, „wenn man sich so ausdrücken darf“).