Schweiz/Suisse/Svizzera/Svizra: Schriftsteller der Gegenwart“. Ist dies, nachdem Kindlers „Die vier Literaturen der Schweiz“ erst vor ein paar Jahren einen Überblick über die kleingemusterte Literaturlandschaft Schweiz gab, das Konkurrenzprodukt eines eifersüchtigen Verlags? Nein, denn der Schweizerische Schriftsteller-Verband, der für diesen angenehm ungewichtigen roten Band als Herausgeber fungiert, wollte keine Literaturgeschichte, keine Tendenzanalyse, sondern ein schlichtes Nachschlagewerk von A bis Z: der Name, ein paar Lebensdaten, die (Buch)Veröffentlichungen möglichst vollständig. Eine Bestandsaufnahme knappster Art, ein Gebrauchsgegenstand für Fachleute – und da wird man denn auch die verblüffende Menge der aufgenommenen Autoren nicht kritisieren wollen. Selbstverständlich gibt es auch in der Schweiz, und trotz ihrer beachtlichen „Literaturdichte“, nicht 773 deutsch-schweizerische plus 339 französisch-schweizerische plus 74 Tessiner plus 28 rätoromanische Autoren, die diese Berufsbezeichnung beim Jüngsten Gericht behalten dürfen. Doch gibt solcher Überschuß einige Sicherheit, daß man gesuchte Autoren auch findet. Sicherheit, daß ist dieses neue Nachschlagewerk vollständiger als jedes andere greifbare. Was nicht heißt: zuverlässiger. Es gibt da zu viele Fehler. Auch wenn die Mitherausgeberin Ursula von Wiese sich für Patzer nicht ohne Humor schon im voraus entschuldigt: Es ist nicht nur das Wissen, es sind auch die Irrtümer, die sich aus einem solchen Nachschlagewerk fortpflanzen. (Herausgegeben vom Schweizerischen Schriftsteller-Verband Zürich; Buchverlag Verbandsdruckerei AG Bern, 1978; 235 S., 36,– DM.)

Dieter Bachmann

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„L ’Invitation au Voyage“. Mit einer höchst ungewöhnlichen Festschrift wird der marxistische Theoretiker Alfred Sohn-Rethel zum 80. Geburtstag geehrt: „L’Invitation au voyage“ heißt der fliederfarbene Papp-Schuber, in dem 18 Fest-Beiträge gesammelt sind, die jeder für sich ein eigenes gebundenes Heftchen bekamen und so – wie der Leser will – herausgenommen oder umgeordnet werden können. Diese Gedenk-Aufsätze für den Faschismus-Analytiker, den erst die Studentenbewegung wieder entdeckte, sollen „das breite Spektrum des Ansatzes repräsentieren, wobei vielleicht allen Japanisch-Kundigen besonders der im Original abgedruckte Aufsatz von Isao Orikasa empfohlen sei. Beigelegt sind sehr schöne Sohn-Rethel-Photos auf Pergament und ein bislang unbekannter Artikel des Jubilars aus der Frankfurter Zeitung vom März 1925: „Das Ideal des Kaputten – Über neapolitanische Technik“. (Buchladen Bettina Wassmann, Am Wall 164,2800 Bremen, 1979; 362 S., 32,– DM.)

Manuela Reichart