Jacques Chirac, der trickreiche Regisseur französischer Politik, hat einen Reinfall erlebt, den er so schnell nicht vergessen wird. Zusammen mit Kommunisten und Sozialisten hatte der Gaullisten-Chef eine Sondersitzung des Parlaments erzwingen – die erste in den einundzwanzig Jahren der Fünften Republik. Er wollte seinen Groll über die Arbeitslosigkeit loswerden, vor allem der Regierung Barre zeigen, daß er und seine Anhänger ihr jederzeit eine Lektion erteilen können. Eine Regierung von Chiracs Gnaden – so sollte das Publikum die Inszenierung in der Pariser Nationalversammlung verstehen.

Doch das Stück ist durchgefallen und mit ihm Jacques Chirac. Neben viel Deklamation und Theaterdonner wurde wenig geboten. Außer der peinlichen Verlegenheit, in die sich die Gaullisten manövrierten: Als Regierungspartei wollten sie gegen die Regierung wettern, aber zum Mißtrauens’antrag der Opposition nicht das Wort ergreifen. Als die Opposition dann aus vollen Rohren schoß, saßen die Gaullisten stumm auf ihren Bänken. In ihrer eigenen Taktik verstrickt, wollten sie nicht einmal die vorher lautstark angemeldete Kritik vortragen. Chiracs scheinbar so subtile Regie hatte sich in wirkungslosem Kulissenschieben erschöpft.

Regierungschef Raymond Barre darf sich angesichts dieses unverhofften Effekts ins Fäustchen lachen. Für die nächste Zeit dürfte ihn sein Dauerkritiker Chirac in Ruhe lassen. Vielleicht überlegt sich Chirac, daß man die auch von gaullistischen Ministern getragene Politik nicht gleichzeitig stützen und ablehnen kann. Sein Kampf gegen die Pariser Regierung ist ehrgeizig, doch mit seinen taktischen Winkelzügen kann er sie nicht in die Knie zwingen. smi