Bielefeld: „Zeichnungen und Collagen des Kubismus – Picasso, Braque, Gris“

Als Georges Braque „Les Demoiselles d’Avignon“ zum erstenmal sah, war er zunächst bestürzt und ratlos. Braque zu Picasso, dem Maler des Bildes, das die Geschichte des Kubismus einleitet: „Es ist, als gäbst Du uns Werg zu essen und Petroleum zu trinken.“ Eine 1906/07 datierte Studie zu dem ersten kubistischen Gemälde ist jetzt auch in der Bielefelder Ausstellung zu sehen, die am Beispiel der Zeichnungen und Collagen die Entwicklung des Kubismus nachzuzeichnen sucht, mit rund sechzig Arbeiten aus den Jahren 1906 bis 1919 verschiedene Phasen und persönliche Stilunterschiede der Kubisten Picasso, Braque und Juan Gris belegt und in ihrem didaktischen Teil unter anderem auch einige Reaktionen dokumentiert, die der Kubismus zu Beginn dieses Jahrhunderts auslöste. „Wo bleibt die Schönheit?“ wird da etwa in einer zeitgenössischen Kritik gefragt, von Schmiererei und Narrenmalerei ist die Rede, von perversem Denken und krankhaften Fällen – Reaktionen, die angesichts kubistischer Bilder heute zwar nur schwer nachzuvollziehen sind, aber doch nicht unvertraut klingen. Ähnliche Worte sind schließlich noch immer zu hören, wenn neue Kunst mit dem Verweis aufs „gesunde Volksempfinden“ attackiert wird – zumal dann, wenn diese Kunst so radikal mit dem Gewohnten bricht wie die der Kubisten, in der Wirklichkeit nicht länger nachgeahmt, sondern neu geschaffen wird. Diesen Vorgang zeigen die Zeichnungen und Collagen sehr klar. Wie in den großen kubistischen Gemälden werden Raum und Gegenstand sehr häufig in facettenartige Struktureinheiten zerlegt, feste Formen zerstört, Abgrenzungen aufgegeben – Form und Raum verschmelzen, eine Trennung zwischen Gegenstand und Umfeld ist oft nur noch schwer auszumachen, die alten Grenzen, Sicherheiten, Normen werden in Frage gestellt und überwunden. Sichtbar wird die Veränderung von Wirklichkeit, die Befreiung von bestehenden Realitäten – ohne daß das einen Abschied von der Realität bedeuten würde. Gerade das präsentierte zeichnerische Material weist sehr deutlich auf die Realitätsbezüge der Kubisten, ihren Umgang mit realen Gegenständen, ihre Arbeit mit Bekanntem, das von ihnen neu organisiert und strukturiertwird und dabei verschiedene Schichten des Realen aufdeckt – eine veränderte und verändernde Sicht auf das ermöglicht, was man Wirklichkeit nennt (Kunsthalle bis 29. April, Katalog 35 Mark, didaktische Broschüre 9 Mark).

Raimund Hoghe

Stuttgart: „O. H. Hajek“

Im Nachhinein ist es meist einfach, im Werk eines Künstlers die entwicklungsimmanente Logik zu entdecken – irgendwie paßt alles schon zusammen. Bei Hajek braucht man nicht nach folgerichtigen Schritten zu suchen, sie sind an den Arbeiten unmittelbar ablesbar. Er hat gewußt, in welche Richtung er sich bewegen wollte. In den Raumknoten oder Raumschichtung genannten Plastiken aus den späten fünfziger Jahren ist das Thema bereits angedeutet: Die Öffnung des durch plastische Form definierten Raumes zum Betrachter hin, der im Erlebnis des Kunstwerks mit einbezogen wird in die räumliche Dimension. Aus den Erfahrungen der Arbeit am Kreuzweg für „Maria Regina Martyrum“ in Berlin-Plötzensee (1961–1963) erkennt Hajek die Notwendigkeit, seine Absicht genauer zu formulieren, Es entstehen die „Farbwege“, Plastiken, deren Aufbau durch Farbe erklärt wird. Farbe hat dabei nicht die Aufgabe, Formzusammenhänge zu verdeutlichen, sondern räumliche Bezüge. Hajek überträgt das Verfahren auf den Stadtraum, der durch farbig markierte Wege gestört und so aufmerksam wahrgenommen werden soll. Die Überlegung, dem erfahrbaren Umraum eine neue Erlebensqualität zu geben, führt Hajek immer weiter weg von Plastik im begrenzten Sinn hin zur Architektur – zur Stadtgestaltung. Die Ausstellung führt mit Plastiken, Zeichnungen, bearbeiteten Photos und Modellen die wichtigen Etappen dieses Prozesses vor, der sich über Kunst als bloße ästhetische Veranstaltung hinausbewegt: Hajeks Gestaltung der „Southern Festival Plaza“ in Adelaide (Australien) macht durch Stadtzeichen, Platzmale und andere Elemente seiner „Stadtikonographie“ begehbaren Raum als Ort gesellschaftlichen Geschehens sichtbar. (Staatsgalerie bis zum 16. April, Katalog 15 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen .

Baden-Baden: „Richard Serra“ (Kunsthalle bis 16. April, Katalog 32 Mark)