Von Günter Haaf

Wenn etwas knapp wird, beginnen sich gewöhnlich Leute darum zu kümmern, die noch einen Moment zuvor blasiert die Nase darüber gerümpft haben. Mit dem Hering war es so und mit der Kartoffel. Mit dem Öl ist es wieder mal soweit. Das gleiche gilt für deutsche Babys: Je dünner es da aus der Wiege kräht, desto lauter ist das Geschrei außenherum. Und wie mit dem Öl, so ist es auch mit den Kindern: Jeder meint, der andere habe gefälligst seinen Teil beizusteuern, worauf er/sie sich ins Auto setzt und Gas gibt (diese Reaktion trifft auf beide Knappheiten zu).

So kommt es, daß (auch in dieser Zeitung) Fragen gestellt werden, die gewöhnlich zeugungsfähige Paare nicht einmal unter der gemeinsamen Bettdecke stellen: Warum kriegen wir so wenig Kinder?

Anstatt nun ehrlich zu sagen, "niemand weiß es genau, und außerdem geht das auch niemanden etwas an", bemächtigt sich ein buntgemischter Haufen vorwiegend männlichen Geschlechts des Themas und beschreibt viel Papier, mit dem dann diverse politische Süppchen am Kochen gehalten werden, während das Kind – hier paßt die Metapher – mit dem Bade ausgeschüttet wird. Letzten Donnerstag gerieten schließlich die Damen Familienpolitikerinnen der Bundestagsfraktionen im Plenum aneinander (hier durften sie mal), als es darum ging, wer welche Trostpflästerchen auf die löchrigen Geldbeutel sozial schwächerer Eltern kleben darf und wie die Hindernisse auf dem Weg zur Elternschaft ohne soziales und wirtschaftliches Risiko aus dem Weg geräumt werden können. Vielleicht hilft ja das eine Entbindungsgeld oder das andere Eheschließungsdarlehen in Zukunft tatsächlich bedürftigen jungen Eltern (was zu wünschen ist).

Ob freilich die über alldem dräuende Schreckensvision vom "Raum ohne Volk", vom "Aussterben der Deutschen" oder auch nur von der "Kinderfeindlichkeit" der reproduktionsfähigen Generation mit den familienpolitischen Lollys des Bundes oder gar den "Zeugungsprämien" (die sich "abkindern" lassen) à la DDR oder Baden-Württemberg gebannt werden können, möchte ich bezweifeln. Zum einen glaube ich nicht, daß sich so viele, junge Frauen mit den – im Vergleich zu den tatsächlichen Kosten von Kindern – lächerlichen ausgelobten Geldern zu einer Art Gebärprostitution hergeben werden, um aus der deutschen Baby-Baisse eine -Hausse zu machen (was nicht heißen soll, daß die Mütter oder Eltern, die ohnehin ein Baby bekommen, das Angebot nicht mitnehmen werden). Zum anderen glaube ich, daß die demographischen Schreckgespenster genau das sind, was Gespenster gewöhnlich darstellen: Imaginäre Gestalten in den Vorstellungen abergläubischer Menschen – oder aber Tricks von Personen, die, aus welchen Gründen auch immer, andere erschrecken wollen.

Mein Kollege Joachim Nawrocki beschrieb in einem zweiteiligen ZEIT-Dossier (ZEIT Nr. 2 und 3/1979) ebenso ausführlich wie ausgewogen die Hintergründe und die Folgen des Geburtenrückgangs in der Bundesrepublik, soweit diese sich überschauen lassen. Ein Interview mit dem Bochumer Soziologen Professor Hermann Körte ergänzte Nawrockis Bericht – und verstärkte seine Tendenz: Nichts Genaues weiß man nicht (Zitat Korte: "Man kann das daran sehen, daß uns 1966 eine Bevölkerungsprognose vorgelegt wurde, die für das Jahr 2000 einen Zuwachs um 14 Millionen Deutsche errechnete. Doch schon 1972 wurde für das Jahr 2000 ein Rückgang von fünf Millionen Einwohnern errechnet.").

Eigentlich hätte dies all jene vorsichtig machen sollen, die wegen des "seit 14 Jahren kontinuierlichen Geburtenrückgangs in der Bundesrepublik" schon den Untergang des Abendlandes vor Augen haben. Doch einmal bei der Jagd nach Sündenböcken (welch ein Wort in diesem Zusammenhang!) wollten sie so schnell nicht von dem politisch-gesellschaftlichen Gegner ablassen, der ihnen schon lange ein Dorn im Auge war: die Bonner Familienpolitik, der Wohnungsbau, die emanzipierte Frau, die vergnügungssüchtige Jugend, die zu großen staatlichen Eingriffe in die Familie, die zu kleinen staatlichen Eingriffe in die Familie, die Pille, die egozentrische me generation etc. etc. (also alle anderen außer einem selbst). Düster werden immer wieder die Bilder winziger Schulklassen und verödeter Autobahnen in eine Zukunft projiziert, in der die meisten von uns das Zeitliche längst gesegnet haben werden: 2030, 2070. "Wer zahlt morgen unsere Renten?" klagen Leute, die vielleicht erst gestern ein kinderloses einem kinderreichen Ehepaar als Mieter vorgezogen haben.