Das Schlimme ist, im Eiskunstlauf fällt kein Vorhang. Wer stürzt, bleibt unbarmherzig in den Fangarmen der Tiefstrahler hängen, die ihr grelles Licht auf das glasige Eis werfen. Keine Chance, sich zu verstecken. Als Dagmar Lurz, die deutsche Meisterin aus Dortmund, bei der Weltmeisterschaft in Wien schon nach ihrem ersten (dreifachen) Hüpfer stürzte, da war es, wie wenn ein wertvollesStück Porzellan einen Sprung erhielt. Man versucht, es so zu drehen, daß niemand den Riß sieht; aber das Gefühl der Wertminderung ist nicht zu vertuschen.

Auch der nächste dreifache Sprung wird verpatzt, die Nerven spielen nicht mehr mit, die Kür wird zur Tortur. Und selbst, wenn alles vorbei ist, fällt noch kein Vorhang. Dann projizieren die Fernsehkameras das Gesicht der enttäuschten Läuferin millionenfach in die guten Stuben der bequem sitzenden Telefans; das Gesichtchen wird zur Maske, und erst dann, wenn die Kür der nächsten Läuferin beginnt, darf geschluchzt werden.

Nach dem Pflicht- und Kurzkür-Programm lag Dagmar Lurz auf Platz zwei, ganz knapp hinter der führenden Anett Pötzsch aus der DDR, die in Wien ihren Weltmeistertitel zu verteidigen hatte. Als Dritte hatte sich – nach Pflicht und Kurzkür – die Amerikanerin Linda Fratianne für einen Medaillenrang empfohlen; und das US-Girl, das mit einem 3000-Dollar-Kostüm und einer neuen, schönheitsgerichteten Nase auftrat, mußte vor der Pötzsch und der Lurz aufs Eis. Sie machte ihre Sache „cool“-korrekt, ohne auch nur einmal zu stürzen – und ohne zu faszinieren.

Und dann kam die kompakte Anett Pötzsch, der man Nervenschwäche überhaupt nicht ansehen kann; und sie verpatzte ihre beiden ersten Dreifach-Sprünge, die sie sonst sicher beherrscht. Sprung frei also für Dagmar Lurz, die zu diesem Zeitpunkt sogar noch hätte Weltmeisterin werden können – wenn auch sie nicht nervlich überfordert gewesen wäre. Sie wurde schließlich sogar noch von der Japanerin Emi Watanabe, die auch nicht fehlerfrei lief, auf den vierten Rang geschubst. Siegerin also Fratianne vor Pötzsch, ein Sieg der besseren Nerven.

Keine Sportart ist der Show verwandter als der Eiskunstlauf. Und es ist logisch, daß dabei der Glanz von der Kür kommt. Die Weltmeisterschaft von Wien hat gezeigt, daß vor allem die Mädchen, von denen genauso wie von den Männern möglichst viele Dreifach-Sprünge verlangt werden, ihre schwierige Lektion unter den Argusaugen eines Millionen-Fernsehpublikums noch nicht beherrschen. Was im Training klappt, geht im Kür-Wettkampf meistens schief.

Und selbst die zur Zeit beste Kürläuferin der Welt, die Schweizerin Denis Biellmann, läuft in der Kür vermutlich nur deshalb so unbeschwert, weil sie sich nach ihrer grundsätzlich schwachen „Pflicht“ ohnehin keinen Medaillenrang mehr ausrechnet. Soll man’s tadeln? Gerhard Seehase