Ohne Geschlossenheit in der eigenen Fraktion, ohne Aussicht auf eine parlamentarische Mehrheit und sogar ohne Verstand – es ist schon eindrucksvoll, worauf alles die CDU-Politiker des Deutschen Bundestages glaubten verzichten zu können, als sie sich zu einer familienpolitischen Initiative aufrafften.

Nur zwei Dinge hatten sie im Visier: die Behauptung, daß der drohende Rückgang der Bevölkerung die Folge einer Steuer- und sozialpolitischen Benachteiligung der Familie sei, und die Absicht, diese Behauptung im Bundestagswahlkampf des nächsten Jahres eine große Rolle spielen zu lassen. Genügen eine Behauptung und eine noch nicht geschaffene Tatsache, den Staatshaushalt des Jahres 1980 kurzerhand um über dreieinhalb Milliarden Mark zu erleichtern?

Wohl kaum. Die Union begeht, auf ihrer zweifellos legitimen Suche nach attraktiven Wahlthemen, einen schweren Fehler, indem sie bestimmte soziale Probleme mit Mitteln bekämpfen will, deren Tauglichkeit sie nicht überprüft hat. So will sie „zu einer positiven Entwicklung der Geburtenrate beitragen“ – doch sie schuldet den Beweis, daß ihr das durch ein „Familiengeld“ gelingen könnte.

Mag es auch unbestreitbar sein, daß in vielen Ehen nur deshalb beide Partner berufstätig sind und lange, vielleicht zu lange, auf Kinder verzichten, weil sie finanziell sonst nicht zurechtkämen, so ist es doch nicht immer so. Denn schließlich hat es Zeiten gegeben und gibt es noch heute Völker, in denen, bei sehr viel geringerem Wohlstand, der Wunsch nach Kindern stärker war als in der heutigen Bundesrepublik. Es muß also noch andere Gründe geben, die auf die sogenannte „Fertilitätsrate“ drücken – das Milliardending der Union läßt sie unberücksichtigt.

Einer dieser Gründe, vielleicht ein wichtigerer als alle finanziellen, ist der Niedergang dessen, was man einmal familiäre Geborgenheit genannt hat. Wir haben die Haushalte verkleinert. Die Alten haben wir ins Seniorenheim abgeschoben. Die unverheiratete Tante und den lediggebliebenen Onkel haben wir in winzigen Ein-Personen-Haushalten untergebracht. Übriggeblieben ist ein Durchschnittshaushalt mit derzeit nur noch 2,53 Mitgliedern – in Berlin sogar nur 1,86.

Früher lebten sie alle, drei Generationen nebst unverheiratetem Anhang, unter einem Dach. Da fand sich immer jemand, der sich um die Kinder kümmerte. Da gab es noch Gespräche, Spiele und ein offenes Ohr für Sorgen. Heute dagegen: Einsamkeit. Sie wird noch zunehmen.

Die Vereinzelung der Familie und die Einsamkeit ihrer Mitglieder führt, im noch relativ günstigen Falle, dazu, daß beide Ehepartner einem Beruf nachgehen womöglich so lange, bis es zum Kinderkriegen zu spät ist. Doch sie produziert auch Schlimmeres: Alkoholismus und Drogensucht, Gewalt, psychische Deformation und steigende Selbstmordziffern.