Von Claus Voland

Die Ausländerkinder in der Bundesrepublik stehen am untersten Ende der Skala der Bildungs- und Berufschancen. Kinder von Gastarbeitern sind ihrem Heimatland entfremdet und in der Bundesrepublik nicht verwurzelt. Die Hälfte von ihnen erreicht den Hauptschulabschluß nicht, nur ganz wenige besuchen Realschulen und Gymnasien, ein Viertel der Sechs- bis Fünfzehnjährigen schwänzt die Schule, zwei Drittel lassen die Berufsschule links liegen, nur ein Viertel hat einen Lehrvertrag und erhält so eine berufliche Bildung, weit über die Hälfte (65 Prozent) müssen als Ungelernte arbeiten. Das sind erschreckende Zahlen für einen Staat, der sich viel auf sein Bildungssystem zugute hält und den Anspruch erhebt, auf dem Weg zu einer sozialeren und humanen Gesellschaft zu sein. Die rund eine Million ausländischer Jugendlicher bis 18 Jahren spürt davon nicht viel, ihre Eingliederung in das Bildungs- und Ausbildungssystem und in die bundesrepublikanische Gesellschaft ist bisher kaum gelungen und teilweise auch nicht gewollt worden.

Mit dem Argument, die Bundesrepublik sei kein „Einwanderungsland“, wehrten sich die Politiker lange Zeit dagegen, die Integration der Gastarbeiter und ihrer Kinder zu erleichtern. Die Gastrolle der ausländischen Arbeitnehmer wurde betont, ohne Rücksicht darauf, daß ihre in der Bundesrepublik geborenen Kinder wohl kaum noch den Weg zurück in die Heimatländer ihrer Eltern finden werden.

Aus der unerfreulichen Entwicklung der letzten Jahre hat jetzt der „Gesprächskreis Bildungsplanung“, ein Beratungsgremium des Bonner Bildungsministeriums, die Folgerungen gezogen. Er fordert die volle Integration der ausländischen Kinder und Jugendlichen in das deutsche Schul- und Ausbildungssystem. Das Gremium, dem Vertreter der Gewerkschaften, der Wirtschaft sowie Wissenschaftler, wie unter anderem der GEW-Vorsitzende Erich Frister, der geschäftsführende Gesellschafter der Friedrich Flick KG, Eberhard von Brauchitsch, und die Professoren Hartmut von Hentig, Walter Jaide und Burkhard Lutz angehören, verlangt in einer Empfehlung: „Die ausländischen Kinder sollen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und bei der Verwirklichung ihrer persönlichen Bildungsziele nicht hinter den deutschen Kindern zurückstehen.“ Um dieses Ziel wenigstens annähernd zu erreichen, soll schon im Kindergarten mit der Eingliederung begonnen werden. Bisher besuchen nur 28 Prozent der Ausländerkinder einen Kindergarten, 70 Prozent (das ist die Quote der deutschen Kinder) sollen es einmal werden. Die gemeinsame Erziehung von ausländischen und deutschen Kindern soll sich in der Schule fortsetzen. Das Beratungsgremium lehnt daher gesonderte Klassen für Ausländerkinder ab. Vielmehr sollen sie zusammen mit ihren deutschen Altersgenossen unterrichtet werden (Regelklassen). Bildungsminister Schmude: „Reine Ausländerklassen mit vorwiegendem Unterricht in der Muttersprache verschärfen die Isolation.“ Schmude verlangt weiterhin in Übereinstimmung mit dem Gesprächskreis, daß die ausländischen Lehrkräfte der deutschen Schulaufsicht unterstellt werden (zum Beispiel unterstehen italienische Lehrer bisher den Konsulaten ihres Landes in der Bundesrepublik) und ausländische Lehrmittel, vor allem Schulbücher, nur nach Genehmigung durch deutsche Behörden verwendet werden dürfen.

Die Kontrolle über die im Ausland hergestellten Schulbücher will auch der niedersächsische Kultusminister Werner Remmers (CDU) erhalten. Er stellt sich vor, daß sich die Kultusministerkonferenz schnell auf ein Genehmigungsverfahren für ausländische Unterrichtsbücher einigen sollte. Doch mit diesem Plan wird Remmers wahrscheinlich bei seinen Parteifreunden in Baden-Württemberg und Bayern auf Widerstand stoßen. Die Kultusministerien beider Länder waren bisher bei ausländischen Schulbüchern überaus großzügig. Sie verfolgen eher eine Politik der „Nichteinmischung“, nach dem Motto: die Schulbildung der Ausländerkinder auf deutschem Boden ist eine Angelegenheit der betreffenden Staaten, unabhängig davon, welche politischen Inhalte dabei durch Schulbücher und Lehrer transportiert werden. In diesem Sinne richteten die beiden Südstaaten auch muttersprachliche Nationalklassen ein, die die Entfremdung verstärkten und nicht der Integration dienen.

Doch scheint dies keine parteipolitische Spezialität von CDU und CSU zu sein, auch die SPD/FDP-Regierung in Nordrhein-Westfalen separiert in Vorklassen und muttersprachlichen Klassen die Ausländerkinder von den deutschen. Allerdings haben die Sozial-Liberalen in Düsseldorf den Kurs geändert. Der ehemalige Ministerpräsident Heinz Kühn, heute Beauftragter der Bundesregierung für die „Integration der ausländischen Arbeitnehmer“, setzt sich jetzt, wie es seines Amtes ist, für die Eingliederung ein. Vor einigen Jahren klang das bei ihm noch anders. Da verkündete er, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland, und von Integration wollte er nicht viel wissen, Heute gibt er zu bedenken: „Für die bei uns geborenen Kinder von ausländischen Arbeitnehmern ist das Land ihrer Eltern eigentlich nicht ihr Heimatland. Sie müssen in die Gesellschaft der Bundesrepublik integriert werden.“ Der gewandelte Heinz Kühn schmückte auch sogleich die Zukunft aus: Deutsche Kinder könnten ja zum Beispiel italienisches Kulturgut aufnehmen, indem sie schon in der Hauptschule italienische Schriftsteller, in der Übersetzung versteht sich, lesen.

Bevor derart geistig-europäische Dimensionen zu erreichen sind, muß erst einmal den Kindern aus der zweiten und dritten Ausländergeneration geholfen werden, so selbstverständlich wie deutsche Altersgenossen die Schule abzuschließen, auch in größerer Zahl als bisher in Realschule und Gymnasien zu wechseln. In den höheren Schulen könnten für sie Eingangsklassen eingerichtet werden. Außerdem sollte ihre Muttersprache als eine der beiden obligatorischen Fremdsprachen anerkannt werden. Dafür und für die Förderung der Kinder in den Grund- und Hauptschulen ist eine intensive Fortbildung der ausländischen Lehrer und ihrer deutschen Kollegen notwendig. Ansätze gibt es bereits. Die pädagogische Hochschule Rheinland und die Universitäten Frankfurt, Düsseldorf und Gießen betreiben ein Forschungsprogramm, „Unterricht für ausländische Kinder“. Für die Integration der Kinder ist die Eingliederung der ausländischen Lehrer in die Lehrerkollegien der Schule eine weitere Voraussetzung.