Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im März

Wollen die Christlichen Demokraten am kommenden Sonntag auf ihrem Kieler Bundesparteitag mit der Lage der Union hadern? Täten sie es, vier Wochen vor dem Stimmgang in Schleswig-Holstein, so schickten sie sich an, politischen Selbstmord aus Angst vor dem Tode zu verüben. In Rheinland-Pfalz haben die Wähler am vergangenen Wochenende die jüngsten Unionsstreitigkeiten zumindest mit einer negativen Fußnote versehen. In Berlin ist der Durchbruch nicht gelungen, aber der vor vier Jahren errungene Spitzenplatz hat sich sogar noch ausbauen lassen. Erst recht kann jetzt die Devise für den Parteitag nur heißen, daß nichts geschehen darf, was die Chancen Gerhard Stoltenbergs schmälern könnte, die hauchdünne Mehrheit im nördlichsten Bundesland zu verteidigen.

Auf anderen Gebieten mischen sich Zuversicht und Zweifel. Die so gut wie einhellig geglückte Probeabstimmung über den Präsidentenkandidaten Karl Carstens war für die Partei ein Erfolgserlebnis. Daß es sich in der Bundesversammlung am 23. Mai wiederholen wird, steht kaum noch in Frage. Und nach dem heftigen Streit um die Führungsspitze der CDU, den Kurt Biedenkopfs Memorandum um die Jahreswende auslöste, ist einstweilen wieder Ruhe eingekehrt. Die damals eingeleiteten Fraktionsreformen erlauben sogar die Hoffnung, daß sich die Parlamentsmannschaft der Opposition berappeln wird.

Das neugeschaffene 25er-Gremium, das ihre Energien anfachen, bündeln und lenken soll, und die Sondersitzungen zu bestimmten Schwerpunktthemen haben sich als hilfreich erwiesen. Kohl selber beginnt sich endlich in Einzelheiten zu knien. Seine Rede in der Abrüstungsdebatte des Bundestags, für die er fast überall gute Noten erhielt, hat er im Verein mit Fachleuten so gründlich vorbereitet wie bisher noch keinen Plenarauftritt. Eine Gruppe jüngerer Abgeordneter geht ihm seit jüngstem, drängend und mahnend, zur Hand.

Indes, gute Reden und Kärrnerarbeit werden nicht ohne weiteres die tiefen Zweifel an Kohl aus der Welt schaffen können, die sich in der Fraktion eingefressen haben. Wie weit dies auch für die Partei gilt, wird sich in Kiel unter dem eisernen Gebot der Wahlgeschlossenheit nicht ausmachen lassen. Aber subkutan können die Stimmgänge in Berlin und Rheinland-Pfalz nicht ohne Wirkung bleiben.

Sowohl Richard von Weizsäcker als auch Bernhard Vogel sind Politiker von der liberalkonservativen Sinnesart Kohls, bei allen persönlichen Unterschieden sozusagen Fleisch von seinem Fleisch; aber dem einen ist nur ein glänzender Achtungserfolg, dem anderen beinahe ein Mißerfolg beschieden gewesen. Bei den Wählern stagniert die CDU vom Zuschnitt Kohls. Daß sie auf einem hohen Stimmniveau verharrt, ist ebensowenig ein durchschlagender Trost wie die Tatsache, daß es noch niemals gelungen ist, aus der Opposition heraus die absolute Mehrheit zu erobern.