Dem 1976 erschienenen Band „Materialien zur lateinamerikanischen Literatur“ haftet der grundsätzliche Mangel an, daß er nicht hält, was der Titel verspricht. Auf das Lateinamerika-Programm 76 des Suhrkamp Verlages zugeschnitten, verschiebt er die Wertskala: Scorza ist unter den zwölf vorgestellten Autoren vertreten, Asturias nicht, Bioy Casares wird behandelt, Lezama Lima fehlt, die Lyrik ist ganz unter den Tisch gefallen.

Mit Aufsätzen über achtundzwanzig Autoren bietet der jetzt erschienene Band –

„Lateinamerikanische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen“, herausgegeben von Wolfgang Eitel; Kröner Verlag, Stuttgart, 1978; 538 S., 28,50 DM

ein wesentlich breiteres Spektrum und eine von kommerziellen Zwängen unbelastete, vertretbare Auswahl. Die Verfasser der Aufsätze, in der Mehrzahl deutsche Romanisten, bringen weniger neue Aspekte als Zusammenfassungen dessen, was vorwiegend lateinamerikanische Kritik an Vorarbeit geleistet hat.

Wie weit kommt es dem deutschen Leser zugute, daß eine ihm relativ fremde Literatur durch Deutsche vermittelt wird? Neben ausgezeichneten Aufsätzen über Borges, Carpentier, Rulfo, Vargas Llosa (aber was wäre ein deutscher Vargas Llosa ohne die grundlegende Arbeit des peruanischen Literaturkritikers Oviedo?) und anderen stehen weniger befriedigende. Pere Gimferrers „Puig“ oder Paz’ „Fuentes“ (beide in dem Suhrkamp-Materialienband) bleiben unerreicht; was Donoso über sein Werk gesagt hat, ist aufschlußreicher, als was hier aus diesen Aussagen gefolgert wird. Interessant an dem Asturias-Aufsatz, daß und wie der vor allem in Deutschland entbrannte Streit über einen häufig falsch angewandten Begriff – magischer Realismus als literarische Darstellung magischer Wirklichkeitsauffassung oder als Stilprinzip? – Anlaß zu Differenzierungen gibt und tiefer in grundsätzliche Aspekte lateinamerikanischer Literatur führt.

Aber nicht nur die Fortdauer magischen Denkens in der Gegenwart (etwa in indianischen Bevölkerungsgruppen) oder eines quasi-feudalen Herr-Knecht-Verhältnisses, das Donoso so oft, immer als ein Komplizitäts-Verhältnis, dargestellt hat, auch lateinamerikanische Geschichte kann zur Verständnis-Barriere werden. Das gilt vor allem für García Márquez’ berühmten Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, dessen Auslegung soviel Kopfzerbrechen verursacht hat. Die Überbetonung der Form dieses Romans in Dieter Janiks schönem, vor Bewunderung vibrierendem Aufsatz hängt mit diesen Interpretationsschwierigkeiten zusammen. Liest man den Roman konsequent als geschichtlichen Roman – hundert Jahre republikanischer Geschichte dargestellt als Wiederholung von 300 Jahren Kolonialgeschichte (ich habe diese Lesart an anderer Stelle angeboten) – wird, wie ich glaube, die unvergleichliche Faszination, die von diesem Buch vor allem auf lateinamerikanische Leser ausgegangen ist, wird auch das politische Engagement des Autors und wird nicht zuletzt die Kongruenz zwischen der zyklischen Form und dem Inhalt dieses Romans begreiflicher.

Der Herausgeber des Bandes, Wolfgang Eitel, hat sich in der Einleitung der Herkules-Aufgabe unterzogen, die vielfältigen Tendenzen und Entwicklungen, die gesellschaftlichen Voraussetzungen, sogar die noch wenig erforschte Vorgeschichte dieser nur dem Anschein nach wie durch Parthenogenese entstandenen Literatur eines halben Kontinents zu umreißen. Daß darin mehr angeschnitten als wirklich geklärt wird, mag zumindest verdeutlichen, daß die lateinamerikanische Literatur der Gegenwart noch immer „ein weites Feld“ ist. Anneliese Botond