Am 26. März 1979 sollen die Aktionäre der Schichau Unterweser AG, Bremerhaven, der Zusammenlegung des Grundkapitals im Verhältnis 4:1 von 12 auf 3 Millionen Mark zustimmen. Im II. Halbjahr 1978 entstand bei der Werft ein Verlust, der mehr als die Hälfte des Grundkapitals ausmachte. In der gleichen Zeit erlebten die Aktien der Gesellschaft einen sensationellen Kursanstieg. Ging das mit rechten Dingen zu?

Die Schichau Unterweser AG gehört zu den traditionell schwachen Schiffbaubetrieben. Die letzte Dividende wurde für 1973 ausgeschüttet. Danach gingen die Aktionäre leer aus. Daß sich die Lage des Unternehmens gerade zu Beginn einer neuen Werftenkrise nicht bessern würde, war Kennern der Branche klar. Dennoch stieg der Kurs der Aktie seit Ultimo 1977 von 37 Mark auf 75 Mark, fiel aber zum Jahresende 1978 auf 58 Mark zurück und liegt heute bei 40 Mark; immer noch ein recht, stolzer Kurs, wenn die Kapitalzusammenlegung berücksichtigt wird.

Die Kursschwankungen vollzogen sich unter für dieses Papier sensationell hohen Börsenumsätzen, die schon frühzeitig erkennen ließen, daß sich eine clevere Spekulationsgruppe der Aktie bemächtigt haben müßte. Tatsächlich tauchte dann in diesem Zusammenhang sehr bald der Name des Kaiserslauterner Anlageberaters Volkmann auf, der mir allerdings am Telephon versicherte, mit Schichau-Aktien nichts zu tun zu haben. Eine Feststellung, die in Bankkreisen auf Skepsis stößt. Volkmann ist bekannt dafür, seine Kunden in marktengen Papieren zu engagieren.

Hätte der durch nichts gerechtfertigte Kursanstieg durch rechtzeitige Information über die wahre Situation des Unternehmens unterbunden werden und damit Schaden von den Käufern ferngehalten werden können? Vorstand Hermann Noé, gleichzeitig über die Dock- und Schiffahrtsgesellschaft Kaiserhafen Noé & Co, Bremerhaven, Großaktionär, vertritt die Meinung, auf der am 28. August 1978 abgehaltenen Hauptversammlung die Aktionäre ausreichend über die Notlage der Werften und über die Verlustsituation der Gesellschaft unterrichtet zu haben. Gleichwohl kam es im September zu einem Kursans.tieg auf 75 Mark.

Nun tat Noé etwas, was eigentlich jedem Aktionär freistehen sollte. Er nutzte den objektiv zu hohen Kurs, um sein Engagement zu verringern. Im „Wertpapier“, herausgegeben von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e. V., räumt er freimütig ein, im September und Oktober 19 000 Aktien (das sind 7,92 Prozent des Aktienkapitals) zu einem Erlös von 1,2 Millionen Mark über die Börse veräußert zu haben. Und darin sehen die Wertpapierschützer einen Fall für die Insider-Kommission bei der Bremer Wertpapierbörse.

Noe will nun den Verkauf dieser Papiere als Rettungstat für die Werft gewertet wissen; denn mit dem Erlös aus dem Aktienverkauf ist einem deutschen Reeder Finanzierungshilfe für den Neubau eines Schiffes gewährt worden. Er sichert eine Teilauslastung des Betriebes. Auf diese Weise – so Noé – ist die sonst unvermeidlich gewordene Schließung der Werft vermieden worden, die den Aktionären mit Sicherheit den Totalverlust ihres Einsatzes gebracht hätte. Denn alle vorhandenen Vermögenswerte wären zur Finanzierung eines Sozialplanes erforderlich gewesen.

Anfang November, als die Schichau-Aktien noch einmal stark nach oben kletterten, will Noé weitere 2600 Aktien (1,1 Prozent) verkauft haben, um den Anstieg zu bremsen, der nicht zu den laufenden Verhandlungen um Bundes- und Landeshilfen gepaßt hätte. Auf diese Weise sind der Noé-Besitz auf 24 Prozent des Schichau-Kapitals reduziert und 21 600 Aktien dem Kapitalschnitt entzogen worden.