Zensur in Stuttgart: Die Deutsche Verlags-Anstalt druckt Gerd-Peter Eigners ersten Lyrik-Band, nicht

Sie hat Angst vorm Schleier“ – mit y geschrieben darf man diesen Satz bald nicht mehr sagen: Solch makaber-taktlose Hochzeitstafelwitze aus Niederbayern werden offenbar deutsche Wirklichkeit. Der neueste Skandal wäre fast zum Lachen, wäre er nicht zum Weinen.

Gerd-Peter Eigner, Autor des 1978 bei DVA erschienenen Romans „Golli“, hat seinem Verlag einen Band Gedichte „An die Freunde mit den Gesichtern Händen und Rücken“ vorgelegt; Lektorin Ulrike Killer und Geschäftsführer Ulrich Frank-Planitz gaben das Manuskript zur Publikation im Juli frei. Inzwischen hat der Geschäftsführer sich eines Schlechteren besonnen. Das Buch darf nicht erscheinen, es sei denn um ein Gedicht gekürzt. Das heißt „Ausklang 77“, ist eine lange Elegie, Trauerrede um gestorbene Gefährten des Autors – ein Freund, eine Frau, ein trunksüchtiger Jude; Eine Passage lautet: „Auch das dachte ich / das dachte ich auch / als ich heute morgen meiner Mutter / alles Gute wünschte / und zuallerletzt / sozusagen zu allerletzt / dachte ich an einen Dichter / den ich gekannt hab / aber vorher dachte ich dann seltsamerweise / an die anderen / zuerst an Baader Raspe Ensslin / und dann an Buback Ponto Schleyer / An den letzteren dachte ich besonders / weil ich gerade heut nacht / das erstemal in meinem Leben / von ihm / geträumt hatte / in diesem Traum gehörte ich / zu seinen Bewachern / das muß ich der Ehrlichkeit halber / hier sagen / er war mein Gefangener im Traum / was ich mir nie hätte ausdenken können / aber irgendwie / waren auch meine Mitkämpfer der Ansicht / soll er doch leben / der Mann sah auch wirklich nicht aus / wie sonst auf den Photos / wir sprachen miteinander / und seltsam / ich trug den Siegelring / den ich mal von einem Großonkel erbte / und ich erinnere mich / daß dieser Großonkel als Kripobeamter / schließlich bei der SS gelandet war / zu jener Zeit / worüber er mir aber immer nur / unzureichend zu berichten wußte // Den Siegelring meines Großonkels / also trug ich im Traum / und Hanns-Martin Schleyer / verglich ihn mit dem seinen / ich jedenfalls fand meinen Ring schöner / zwar sagte ich es nicht / hatte aber schließlich den Eindruck / auch Schleyer bevorzuge meinen.

Schleyer – ein Nachruf? Was geht hier vor? Die emphatischen Debatten um Alfred Anderschs Gedicht „Artikel 3 (3)“ (das dann die FAZ druckte) und den Buback-Nachruf (zu dem der Verleger dieser Zeitung Gerd Bucerius sagte: „Aber natürlich hätten wir ihn drucken müssen“) sind noch sehr frisch im Gedächtnis. „Kein Fall von Zensur“, sagte Ulrich-Frank Planitz zur ZEIT, „aber ich war ein persönlicher Freund von Schleyer, ich war der letzte, der mit ihm telephonierte, ich finde sie für Schleyer diffamierend und kann mir von meinen Autoren nicht vorschreiben lassen, was ich drucke, was nicht.“ Wohl wahr – nur ist es die Wahrheit eines Funktionärs, nicht die eines Verlegers. Der nämlich muß lesen können – zum Beispiel, daß hier mit keiner Silbe Hanns-Martin Schleyer verunglimpft wird; der muß aber auch, wenn es dann einmal zur Debatte steht, konträrer Meinung zum Ausdruck verhelfen. Sonst ist er wohlbestallter Vorsteher einer Bosch-finanzierten Papierbedruckanstalt. So schildert der Autor die Gespräche mit dem Geschäftsführer auch sehr anders.: „Herr Frank-Planitz äußerte expressis ver- bis Unmut, weil die DVA zum Bosch-Konzern gehöre, und Bosch bekanntlich seinen Batterien-Hauptabnehmer in Daimler-Benz habe, und Hanns-Martin Schleyer bekanntlich ...“

Trauerarbeit leisten, die eigne Geschichte in ihren wirren Verknüpfungen mit der aktuellen Gegenwart analysieren – das wird vollmundig gefordert, Tag für Tag. Aber kaum wendet einer den tränenblinden Blick von der Holocaust-Mattscheibe, wischt sich die Augen und sieht sich und uns im Konflikt, ist das Allerheiligste bedroht: die Zündkerzen im Mercedes. Es sei denn, es ist Akademiefeierstunde – da darf man. Als vergangene Woche Max Frisch Alfred Andersch feierte, stieß keiner sich mehr an der Anstößigkeit, sondern ein jeglicher applaudierte ihr und dem Gesetz der Literatur, das da heißt: empört euch, der himmel ist blau.“ Fritz J. Raddatz