Zwischen Ballett und Symphonischer Dichtung

Von Heinz Josef Herbort

Warum muß Eurydike sterben? Woran stirbt sie? Der Mythos war an dieser Frage wenig interessiert, mehr noch: er war an dieser Frau wenig interessiert. Der Mythos wußte noch nichts von der Emanzipation. Er kannte allein den Helden, dessen übernatürliche Fähigkeiten, dessen Tat. Er behauptete, diese Tat sei geschehen aus Liebe, und übersah dabei bereits das gleichzeitige Selbstmitleid des Helden. Der Mythos schönt, aber nur einseitig, und er schweigt.

Das Schweigen des Mythos setzte der Phantasie eigentlich keine Schranken. Aber Vergil wußte in den „Georgica“ (30 v. Chr.) mehr über die sich selber erhaltenden und wiedererweckenden Bienen als über die Figur der Orpheus-Gattin. Angiolo Poliziano kannte (1480) Mythen in Fülle und verknüpfte sie geschickt: Eurydike wird auf der Flucht vor einem ihr nachstellenden Schäfer von einer Schlange gebissen. Rinuccini blieb in seinem Libretto für Peris und Caccinis Oper (1600) bei dieser Version, und an die fünfzig barocke Opernkomponisten hielten sich daran: Der Tod ist höchstens Nebensache. Calzabigi und sein Komponist Gluck waren (1774) noch eindeutiger: Wenn der Vorhang aufgeht, ist das Mädchen längst tot.

Jacques Offenbachs Spott auf die alte Oper brachte zwar Neues: Pluto zieht die zur Untreue entschlossene Eurydike in die Unterwelt, gesellschaftliche Rücksichten und Furcht vor schlechter Reputation treiben Orpheus jedoch widerwillig zur Rettungsaktion. Bei Cocteau vergiftet die Oberpriesterin der Bacchantinnen die in ständigem Ehekrach liegende Eurydike, bei Anouilh kommt sie um, weil ein Autobus plötzlich scharf bremsen muß, bei Tennessee Williams befreit Orpheus eine sexuell frustrierte Frau, und bei Milhaud versucht ein Heilpraktiker vergebens, einer schönen, aber unheilbar kranken Zigeunerin mit seinen Kräutern zu helfen. Aber für die Frau springt auch bei all diesen Verfremdungen kaum ein beachtenswerter Charakterzug heraus. Was dem Mythos fehlt, mag auch der Dichter nicht ergänzen.

„Orpheus“ als Klassenkampfdrama?

Daran hat sich auch 1978/79 nichts geändert. In Edward Bonds Ballett-Libretto „Orpheus – a story in six scenes“ wird Eurydike zwar Opfer eines „Klassenkampfs“, dies aber mehr zufällig. Während die „Reichen“ selbstvergessen den Symbolen ihres Aufstiegs huldigen, stiehlt einer der „Armen“ eines der Symbole, wird beobachtet, gejagt, gefangen – bei dem folgenden Handgemenge hat es Eurydike erwischt, wer, wie, warum, ist weder zu erkennen noch offenbar wichtig. Das tote Mädchen wird von Hades-Wächtern abgeholt, weggeschleift. Den „Armen“ bleibt allenfalls die Trauer und den „Reichen“ ein schaler Geschmack im Mund, den sie mit Sekt herunterspülen. „Orpheus“ als Klassenkampf-Drama? Nein.