Vorgeschmack vom kommerziellen Fernsehen

Meine Damen und Herren ich hoffe es hat ihnen Spaß gemacht es ist „Die Pyramide“ alles Gute für Sie schönes Wochenende wir sehen uns hoffentlich demnächst wieder wenn es mal wieder heißt „Die Pyramide“ guten Abend alles Gute wenn Sie am Wochenende Auto fahren bitte fahren Sie vorsichtig Auf Wiederschaun bis zum nächstenmal.

Den Conférencier zu raten, ist nach diesem Sprachleerlauf kinderleicht. Doch nicht? Also, er hat den Vornamen Dieter und noch einen anderen in Anführungsstrichen und ist ein erprobter Schnellsprecher für Ereignisse, in denen es mehr um Geschäft als um Grips (oder den Grips als Geschäft) geht und der Inhalt des Gesprochenen keine Rolle spielt – wie für diesen „Spiel“ genannten Zeittotschlag, bei welchem es „um Schnelligkeit geht, um Witz geht, um Taktik geht und vor allen Dingen um viel Geld“. Die neue Sendung heißt „Die Pyramide“.

Es gibt, untrügliche Signa dieser Unterhaltungskunst, ein rotes Telephon und einen Akademiker, „den Heindl, den Doktor Heindl“ (oder so ähnlich), von welchem der Conférencier zum Beispiel beantwortet haben will, was der Unterschied zwischen Klo und Toilette sei. Es gibt sodann zwei Kandidaten, die auf nicht erklärte Weise von Programmzeitschriften aufgestellt und von ZDF-Redakteuren „quer durch Deutschland getestet“ wurden, sowie zwei als Prominente bezeichnete und mit der üblichen ekelhaften Mischung aus Geschäftigkeit und Anbiederung hofierte Leute, den Liedermacher Mey und die Fernsehangestellte Vanhaiden, „die lediglich helfen, dem Zuschauerkandidaten Geld zu gewinnen“. Gewinnen ist richtig, nicht verdienen, und das geht so: Jedes Paar wählt einen Oberbegriff (wie „Papier“); den daraus abgeleiteten Unterbegriff muß der eine Partner umschreiben („braucht man auf’m stillen Ort“), der andere muß ihn raten („Klopapier“), mehrmals sieben Begriffe in jeweils dreißig Sekunden.

Jedoch, das Thema ist gar nicht Spiel oder das Spielen, sondern: Geld. Da sind Jokerfragen für Extragewinne, da ist die Pyramide, in der sich das Gewonnene verdoppeln läßt. Einer der Kandidaten aus dem Volke ist immer der Gewinner, der andere, nun ja, hat Pech; ihre Partner, die prominenten Menschen, dürfen (playback) so tun, als sängen sie jeder ein Lied, und bekommen dafür ein Honorar sowie eine kostenlose Werbung: Mey hat „eine wunderbare LP“ gemacht, der das Lied entstammt, Vanhaiden „einen neuen Plattentitel“, den man sogleich anzuhören genötigt wird, ein lehrreiches Ereignis übrigens, weil es offenbart, wie jemand für Geld bereit ist, geschmacklos zu sein. „Ich bin“, so sang die Ansagerin, „die Mieze vom 1. Kanal“. Braucht man Fernsehansagerinnen, fragte Heck. „Ja“, sagte; die Fernsehansagerin, „ich bin natürlich dafür, daß sie bleiben... ich persönlich find’s auch menschlicher... das letzte bißchen Menschlichkeit“, das Medium braucht die Miezen.

Bravo. Beifall vom Publikum, das zur Möblierung der Veranstaltung bestellt war und offensichtlich den üblen Geruch ringsum nicht wahrnahm. Denn es ging nicht nur „vor allen Dingen“ um Geld, es stank nach Geld. Selbst wenn das amerikanische Vorbild, eine der primitivsten, nur durch Geldgier bewegte Quizveranstaltungen den Gewinner 25 000 Dollar ergattern läßt: auch siebentausend Deutsche Mark sind kein Pappenstiel für nicht einmal zwölf Minuten Fixigkeit, das einzige, was diese trübe Veranstaltung ihren Kandidaten abverlangt.

Was diese Nichtigkeit von einer Fernsehsendung, die dem Vergnügen von Millionen Menschen dienlich sein soll, interessant macht, ist der eindrucksvolle Mut zur Primitivität, der Mut zum Geld als Spiel. Wahrhaftig, das ZDF ist auf dem Quivive, es spürt den jagenden Puls des Kommenden, und so gelingt ihm mit diesem alle vier Wochen geplanten Quiz, das Hin und Her um ein kommerzielles Fernsehen lächerlich zu machen. Die Unterhaltungsredakteure des ZDF reden nicht davon, sie machen es. Und es war ganz richtig, nicht selber die schmutzige Idee zu haben, sondern sie sich an der Pflegestätte des Quiz in den USA zu pflücken und – leicht gerupft – umzutopfen, nur die Musik haben sie gelassen. Jawohl, die Instinkte muß man treffen, nicht den Geist oder so was. Manfred Sack