Kiel

Es sah schlimm aus. Immer wieder tote Vogelkörper am Strand. Oft bis zur Unkenntlichkeit schwarz verkrustet." So schildert eine Bewohnerin der Insel Sylt das Vogelsterben an der Nordseeküste. Beim Anblick der angeschwemmten Tierleichen habe sie "Beklemmung und auch Scham" empfunden, "über das, was wir anrichten".

Zu Tausenden waren sie auf dem Rückflug gewesen, Eider-, Samt- und Trauerenten, Möwenarten und seltene Tauchvögel, die ihre Brutreviere hoch im Norden haben. Auf dem Meer machten sie Station. Schwimmende Öllachen täuschten den Zugvögeln ruhige See vor. Sie landeten in einer Todesfalle. In der klebrig schwarzen Brühe kamen sie elendig um. Darunter vom Aussterben bedrohte und darum geschützte Arten wie die Trottellumme, ein Tauchvogel, der in Deutschland nur noch auf Helgoland brütet.

Zu gleicher Zeit waren Rothalstaucher, Hauben- und Ohrentaucher, deren Lebensraum Süßwasser ist, aufs offene Meer geflüchtet. Der anhaltend starke Frost hatte sie von den zugefrorenen Binnengewässern vertrieben. Tage später schwemmte das Meer auch ihre ölverkleisterten Kadaver an die Strände von Amrum, Sylt, Helgoland und der westdänischen Küste. Innerhalb einer Woche hatten Vogelwarte körbeweise bis zu rund dreitausend im Öl verendete Wasservögel an den Stränden aufgesammelt.

"Wir stehen vor einem Rätsel", meldeten die Behörden, die nach Indizien für eine neue Ölpest fahnden. Doch weder ließ sich bislang ein schuldig gewordener Tanker ermitteln, noch scheinen die Bohrinseln in der Nordsee ausschließlich das Vogelmassaker verursacht zu haben.

Es dürfte sich hier vielmehr bestätigen, wovor Vogelschützer und Meeresforschungsinstitute schon oft gewarnt haben: Keine neue Ölpest brachte zigtausend Vögeln auf der Nordsee den Tod, sondern die ewige Ölpest. Den Abbau von ständig treibenden Öllachen durch Bakterien und Pilze hat der harte Winter verhindert. Nur ein Zehntel der Ölmengen, die etwa bei Wassertemperaturen von durchschnittlich 25 Grad zersetzt würden, werden bei null Grad vertilgt.

Insgesamt, ermittelte die Deutsche Presse-Agentur (dpa), fließen jährlich etwa sechs Millionen Tonnen Öl in die Weltmeere. Fast ein Drittel davon, so wird geschätzt, allein durch Tankreinigen und Lenzen von Altöl, elf Prozent durch Ölbohrungen sowie durch natürlichen Ölaustritt, 44 Prozent strömt mit den Flüssen in die offene See, lediglich drei Prozent durch Tankerunfälle. Obendrein vermutet man, daß untergegangene Schiffe – in den Weltkriegen versenkt oder in Stürmen gekentert – durchrosten und Öl dabei freisetzen.