Von Michael Naumann

Als die deutsche Wissenschaft der Ästhetik dem Ansturm des wilhelminischen Positivismus unterlag, wehrten sich die letzten Anhänger dieser Kunde vom Schönen mit einer Reihe gelehrter Grabgesänge: „Die Ästhetik von Kant bis...“ Philosophie wurde historisch; letzte Rettungsversuche, wie diejenigen Benedetto Croces, gibt es noch heute in Erstauflage’zu kaufen – ein Menschenalter später.

Ähnlich ergeht es dem Marxismus: Epigonen werfen sich die Stichworte verflossener Debatten zu, kritische Gesamtausgaben kritischer Marxisten der ersten Generation verstauben in kritischen Buchläden. Noch eine Marx-Diskussion hier, noch ein Engels-Zitat da – die Argumente sind bekannt.

Was bleibt, stiftet die Erinnerung: Anekdoten aus dem ideologischen Milieu der Linken seit 1900, Haupt- und Nebengeräusche der Dogmengeschichte. Versammelt sind sie zum Beispiel von Ossip K. Flechtheim in seinem Buch:

„Von Marx bis Kolakowski. Sozialismus oder Untergang in der Barbarei?“ Europäische Verlagsanstalt; Köln/Frankfurt 1978; 286 S., 24,80 DM.

Der Titel ist so willkürlich wie der Untertitel als reale Alternative unwahrscheinlich.

„Von Marx bis Kolakowski“ signalisiert keine wirklichen Zäsuren im Geistesleben Europas, sondern lediglich die Bandbreite von Flechtheims intellektuellen und politischen Interessen: Er war – und dies ist für das Verständnis dieses merkwürdigen Buches wichtig – Mitglied der KPD, der KPF und schließlich der SPD; sein politischer Gesinnungswandel (manche würden sagen: seine Läuterungen) spiegelt sich in der Galerie der Theorie-Heroen, die Flechtheim eröffnet.