Von Rudolf Herlt

Am 26. Juni 1974 hat ein neuer Abschnitt der deutschen Bankengeschichte begonnen. An diesem Tag wurde das Kölner Bankhaus Herstatt geschlossen. Das Ereignis sollte sich als Katharsis des privaten Bankgewerbes in der Bundesrepublik erweisen. Der Zusammenbruch bei Herstatt war nicht die erste Eankpleite nach dem Kriege – siebzehn andere varen schon vorausgegangen –, aber er war die größte. Sie bewegte die kleinen Sparer ebenso wie die Mächtigen im Kreditgewerbe. Die Sicherheit der Banken und die moralische Legitimation der freien Unternehmerwirtschaft standen zur Debatte.

Im Februar 1974 gab es das erste Wetterleuchte. Der Herstatt-Bank flattert ein Brief des lundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen auf den Tisch. Darin drohte Günter Dürre, damals Präsident des Bundesaufsichtsamtes, dem persönlich haftenden Gesellschafter der Bank (eine Kommanditgesellschaft auf Aktien), Iwan D. Herstatt, daß Geschäftsleiter von Banken, die durch spekulative Devisengeschäfte die Gelder von Einlegern gefährden, persönliche Konsequenzen zu erwarten hätten. In der unterkühlten Sprache der Bankwelt heißt das, daß ihnen die Erlaubnis zum Führen einer Bank entzogen würde.

Herstatt hatte den Dürre-Brief früher als andere bekommen, weil der Bundesbank Hinweise aus dem Ausland zugegangen waren. In der City von London hielt man Herstatt nicht mehr für eine erste Adresse. Im März segnete Wirtschaftsprüfer Karoli den Abschluß der Herstatt-Bank für 1973 zwar mit vollem Testat ab, schickte aber an die Verantwortlichen die Mahnung, sie sollten darauf achten, daß der Umfang der Devisentermingeschäfte nicht zu groß werde.

Alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Im Mai wollte Aufsichtsrat Anton Weiler Näheres über einen Bilanzposten von einer Milliarde Mark wissen, der im Zusammenhang mit Devisentermingeschäften stehen sollte. Iwan Herstatt beruhigte ihn brieflich und erklärte, daß sich aus dem Posten ein Gewinn von vier Millionen ergeben würde.

Doch Weiler bohrte weiter. Herstatt und sein Generalbevollmächtigter Bernhard Graf von der Goltz räumten jetzt ein, daß nicht ein Gewinn von vier Millionen, sondern ein Verlust von 60 Millionen entstanden sei. Hans Gerling, mit 81 Prozent Hauptaktionär bei Herstatt, wollte damals diesen Verlust durch Auflösung stiller Reserven in der Herstatt-Bilanz geräuschlos tilgen.

Doch am Sonntag, dem 16. Juni 1974, überbrachten Herstatt und von der Goltz die Hiobsbotschaft: Der Verlust betrage nicht 60, sondern 450 Millionen Mark. Gerling beauftragte Karoli mit einer weiteren Prüfung, die die endgültige Höhe des Verlustes aufdeckte: 470 Millionen.