Hannover

Auf 120 Millionen Mark schätzt das niedersächsische Landesverwaltungsamt die Kosten für die Beseitigung der Frostschäden. Dazu addiert der Fiskus 30 Millionen für Schneeräumung und Streudienste auf Autobahnen, Bundes- und Landstraßen in Niedersachsen. Das Fazit beim Frühlingsbeginn: Ein außergewöhnlich teurer Winter. Der Schneefall und seine Folgen wurden zu, einem spür- und berechenbaren Wirtschaftsfaktor wie selten zuvor.

Für eine hannoversche Taxifahrerin wurde er, Mitte Februar zumindest, zum argen Verlustgeschäft. Ärger, Angst und Bibbern hatte sie dafür reichlich. Der gewichtige Fahrgast, der am 14. Februar am Flughafen Langenhagen in ihren Wagen stieg, war ein berühmter Mann. Er hatte es eilig und versprach gutes Geld. Nach Hamburg, hieß seine Order. Dorthin war er schon mit dem Flugzeug unterwegs gewesen. Die Maschine hatte des schlechten Wetters wegen die Hansestadt jedoch nicht anfliegen können und war in Hannover gelandet. Die Passagiere wurden vor der Benutzung der Bundesautobahn gewarnt, der Weg sei gefährlich und das Durchkommen zweifelhaft. Sicherer sei die Bahnreise. Der Fahrgast drängte. Die Warnungen der Taxi-Zentrale und einiger Kollegen auf dem Funkkreis wußte der eloquente und offensichtlich, zahlungskräftige Hamburgreisende zu zerreden.

Heute rechnet die Chauffeurin 360 Mark auf: gegen eine Fahrt über die schneeglatte A7 bis in einen Stau in der Nordheide, gegen ein stundenlanges Warten und Frieren im steckengebliebenen Auto, gegen den hohen Benzinverbrauch und eine weitere Zwangspause wegen des Fahrverbots. Ein schlechtes Geschäft für die Fahrerin, auch wenn sie im Schneesturm Henri Nannen befördern durfte, den Stern-Chefredakteur.

Der Schnee-Oberfall schuf unerwartete Konjunkturen. Verlust hier, dort unzeitgemäßen Gewinn. Zusätzliche Arbeit fiel für jeden ab. Während an den Kaufhaus-Eingängen die Soft-Eis-Automaten verschwanden, sahen die Gebrauchtwagenhändler an den Ausfallstraßen ihr sonst recht buntes Angebot im Weiß verschwinden. Von Schulkindern war ein – seltenes – Lob für den Kultusminister zu vernehmen, für mehrere Tage schulfrei. Salz verzeichnete eine fast unsittliche Preissteigerungsrate, Hohlraumversiegelungen und Unterbodenschutz standen auf den Erledigungszetteln der Niedersachsen häufig noch vor Brot und Bier. Reinigungen prosperierten: Die Schneeränder an den Hosen kamen an jedem Tag beharrlich wieder. Schlitten und Skier wurden zu Hauptverkehrsmitteln in den Nebenstraßen. Ein Vorsitzender der hannoverschen Verkehrsbetriebe ließ sein Mißtrauen in die eigenen Betriebsleistungen in der Zeitung dokumentieren, als er aus der Vorstadt mit seiner Langlauf-Ausrüstung dem Dienst zuglitt.

Der Lotto-Termin wurde verschoben; Nachbarn organisierten in eingeschlossenen Ortschaften vor kurzem noch undenkbare Treffen; in den Städten ließ die Gehfaulheit von Hundebesitzern die Bürgersteige zu Kloaken werden.

Die Kälte und der erzwungene Rückfall in ursprüngliche Lebens- und Bewegungsarten äußerte sich besonders in Niedersachsen in einer Wut gegen die Katastrophenschützer. Vor allem jene, denen Schneeberge, Eisregen und Fahrverbote die gewohnten Wege nicht verschloß, schimpften über „die Behörden“. Da hakte es gewiß, da gab es Verzögerungen, aber der Vorwurf, daß die Stäbe eine Verschlimmbesserung gar durch Genuß am Chaos betrieben, ist sicher nicht berechtigt. Der Stau auf der A7 war das größte Problem, da wünschten sich viele mit Recht schnellere Befreiung.