Daß das das gibt: Ein renommiertes Westberliner Hotel vermittelt einen Hotelgast weiter an ein renommiertes Ostberliner Hotel. So geschah es in diesen Tagen. Ein Herr aus Köln war nach Westberlin gekommen, um von hier aus jemanden in Ostberlin zu besuchen. Doch sein Westberliner Stammhotel war ausgebucht. Ein feines Hotel übrigens, denn der Herr reist meist auf Spesen. So viel sei gesagt. Der Name des Hotels soll nämlich nicht verraten werden. Das will der Chef des Hauses nicht.

Denn was sich nun ereignete, entspräche keineswegs den Gepflogenheiten jenes Hotels, sei vielmehr eine Privatinitiative einer der Angestellten gewesen. Jene Dame nämlich war einmal zu einer Konferenz von Hotelexperten im Ostberliner Luxushotel „Metropol“ gewesen. Ein Hotel, das die DDR wohl vor allem gebaut hat, um Devisen zu kassieren. Selbst das Neue Deutschland wird im „Metropol“ nur gegen Westgeld vergeben. Damals hatten die Westberliner Hotelfachleute auch darüber geredet, wie sehr sie in letzter Zeit ausgebucht wären: die vielen Messen, Konferenzen, Theaterbesucher Immer wieder fehlte es an Betten. Und wie das so ist, im Gespräch kommt man sich näher, einer der Leute vom „Metropol“ schlug vor: „Wenn ihr da Schwierigkeiten habt, warum denkt ihr nicht mal an uns? Wir können westliche Kunden gut gebrauchen.“

Daran erinnerte sich jene lebenskluge Dame, als der Stammgast aus Köln sich bettensuchend an sie wandte, und da er doch ohnehin in Ostberlin zu tun hatte, rief sie kurzerhand im „Metropol“ an und siehe da – es ging.

Nun muß man dazu wissen, daß Westdeutsche und Westberliner, wollen sie in die DDR einreisen und dort übernachten, dafür Wochen vorher ein Visum beantragen müssen. Nicht so unser Mann aus Köln. Er fuhr von Westberlin nach Ostberlin, ging zur Rezeption des „Metropol“, hinterlegte seinen Paß gegen eine Quittung, auf daß alle erforderlichen Stempel hineingedrückt werden konnten und bezog sein exquisites Hotelzimmer, die Nacht zu 100 Mark.

Er hatte Zeit, mußte nicht bis Mitternacht zurück in Westberlin sein, wie es als Tagesbesucher seine Pflicht gewesen wäre. Am Morgen zog er einsame Runden durch das Hotel-Schwimmbad, das seiner Schätzung nach die Größe des Pools seines Westberliner Stammhotels bei weitem übertraf, beaufsichtigt von sechs Bademeistern. Mit der Rechnung bekam er seinen Paß zurück, ausgestattet mit allen nötigen Vermerken.

Marlies Menge