Für eine bange Viertelstunde sah es am Sonntagabend im Rathaus Schöneberg so aus, als könne der künftige Senat eine Minderheitsregierung werden. Die Hochrechnungen auf den Monitoren in der Wandelhalle des Parlaments signalisierten einen Einzug der „Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz“ (AL) ins Parlament. Da diese Liste für niemanden ein ernsthafter Koalitionspartner gewesen wäre, hätte es geschehen können, daß weder die CDU noch die SPD/FDP-Koalition eine tragfähige Mehrheit zusammengebracht hätten. Auch wenn fast jeder annahm, daß die Alternativen wohl letztlich doch an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würden, galten sie schon als der eigentliche Überraschungssieger des Abends.

Niemand kannte sie so richtig, die da aus der Berliner Gegenkultur kamen und nun mit Pullis und ihrem Igel-Emblem zwischen den etablierten Politikern durch die Rathaushallen schlenderten, mit geschwellter Brust und stolzem Lächeln. Wer sie nach ihrem Spitzenkandidaten fragte, erhielt zur Antwort, man habe keinen, alle AJL-Kandidaten seien Spitze.

Die etablierten Parteien machen sich über den AL-Erfolg Gedanken: Da gibt es also eine Partei, die von der linken und pseudolinken Szene auf Anhieb fast 50 000 Stimmen einheimsen konnte und sogar in vier Bezirksparlamente einzieht. Ihre Wähler sind nur zum Teil von der SEW und anderen K-Gruppen, abgesprungen; unter ihnen sind offensichtlich viele Jugendliche, die von den etablierten Parteien wenig halten. „Warum“, fragt sich ein SPD-Mann, „kommen wir an diese Leute nicht heran?“ Nach dem Erfolg der Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger (WUB), die vor vier Jahren im Bezirk Zehlendorf sechs Sitze und einen Stadtrat erkämpfte – und dieses Ergebnis jetzt auf 13,8 Prozent steigern konnte –, habe man doch eigentlich sehen müssen, welches Potential an Unzufriedenen da heranwächst. Aber niemand, auch nicht der dialogfreudige Wissenschaftssenator Glotz, fand Gehör bei diesen Gruppen. Die meisten Genossen haben erst zu spät gemerkt, welche Konkurrenz ihnen da. am Rande der Gesellschaft erwachsen ist.

Die traditionellen Parteien werden es auch schwer haben, bei den Anhängern der Alternativen Liste Anklang zu finden. Denn der AL-Igel ist zwar außen grün, innen aber ist er rot. Die Igel-Partei ist nicht nur gegen Atomkraftwerke, Abschreibungsruinen und Stadtautobahnen, gegen Radikalenerlaß und Trennscheiben in der Sprechzelle. Zwar grenzt sich die Alternative Liste von der aus Ost-Berlin gesteuerten SEW ab, weil sie „eine Partei, die für die Inhaftierung Rudolf Bahros und für Atomkraftwerke in der DDR eintritt, weder für demokratisch noch für alternativ halten“ kann. Aber etliche AL-Kandidaten haben vor vier Jahren für die maoistische KPD kandidiert oder für sie Wahlaufrufe unterzeichnet.

Die DKP erhielt damals 0,7 Prozent und hat jetzt nicht mehr kandidiert. Die SEW hat gegenüber 1975 ebenfalls 0,7 Prozent verloren. Rund die Hälfte ihrer Stimmen hat die Alternative Liste also mutmaßlich von Kommunisten aller Schattierungen erhalten. Auch von noch so gut gemeinten Annäherungsversuchen der Sozialdemokraten werden sich diese Wähler also nicht beeindrucken lassen.

Aber auch die übrigen Protestwähler leben zum größeren Teil so sehr im Abseits, daß sie sich kaum wieder von diesem Staat und seinen Parteien einvernehmen lassen werden. Es sind Bürgerinitiativen und Frauengruppen, Kernkraftgegner und Tunixe, Spontis und Kommunarden, Ausgeflippte, Schwärmer, Sektierer und Leute, die bewußt nach neuen Lebensformen suchen. Gerade in Berlin hat sich eine breite und vielfältige Szene gebildet, in der Subkulturen, Gegenkulturen, Zivilisationsgegner und Naturapostel zwanglos vermischt sind. Von der alten Apo ist nur noch ein Bodensatz vorhanden. Die Verbiesterten sind seltener; die Friedfertigen, die jedermann freundlich duzen, sind die Regel.

Selbst wenn die Sozialdemokraten alle zu Kraftwerksgegnern und Aposteln der makrobiotischen Ernährung würden, wäre dies in den Augen der Alternativen nur eine durchsichtige Umarmungspolitik. Aber solchen Opportunismus erwägt auch kein ernsthafter Politiker. Er würde ohnedies mehr Stimmen kosten als bringen.