Von Rainer Köthe

Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt!“ Der Satz aus der Zahnpastawerbung ist zum geflügelten Wort geworden, zu Recht, denn auf einem heilen Zahn kaut es sich allemal besser als auf einem noch so kunstvoll geflickten – oder gar auf der „dritten Garnitur“.

Heile Zähne aber werden immer seltener. Hauptfeinde sind die Bakterien der Mundhöhle. Erst falsche Ernährungsgewohnheiten und mangelnde Mundhygiene machen jedoch ihr Vernichtungswerk so wirkungsvoll. 32 Zähne nennt der gesunde Mensch sein eigen. Im Durchschnitt kauen freilich knapp Dreißigjährige schon auf nur noch 27 Zähnen. Die nächsten zwanzig Lebensjahre reduzieren die Zahl der Zähne auf unter zwanzig, und bis zum siebzigsten Geburtstag müssen dann 8 Zähne für die gesamte Kauarbeit ausreichen. Wohlgemerkt: im Durchschnitt.

Für viele Mitbürger kommt die Stunde der Wahrheit beim Zahnarzt viel früher. Dann rächen sich jahrelange Vernachlässigung von Zähnen und Zahnfleisch, dann müssen die letzten Stümpfe herausgemeißelt werden, damit das dritte Gebiß richtig sitzt. Dabei müssen heutige Zahnpatienten noch dankbar sein: Künstliche Gebisse zu erschwinglichen Preisen sind ebenso wie die Betäubung beim Zahnziehen rechtneuen Datums.

Überhaupt war das Herausreißen des kranken Zahnes oft der einzige Dienst, den der Zahnarzt seinem Patienten leisten konnte. Nur so ließ sich verhindern, daß sich die Entzündung des Zahnes im ganzen Körper ausbreitete. Und bis heute ist das Zahnziehen der letzte Schritt eines Vernichtungswerkes, das ganz unscheinbar viel früher, meist schon in der Kindheit, begonnen hat.

Da bleiben Speisereste irgendwo in den Zwischenräumen der Zähne hängen. Die in der warmen Mundhöhle allgegenwärtigen Bakterien siedeln sich darauf an, zersetzen sie und bilden daraus Säuren. Zwar sind Zahnbein (Dentin) und Zahnschmelz die härtesten und widerstandsfähigsten Teile des Körpers; Gebisse sind oft die einzige Hinterlassenschaft, die Jahrmillionen überdauern. Aber ihre Widerstandskraft hat Grenzen.

Zunächst ist es nur ein winziges Loch im Zahnschmelz. Die Schicht aus Bakterien, die darüber liegt, die „Plaque“, verdeckt es selbst vor den Augen des Fachmanns. Im Untergrund aber geht die Zerstörung weiter: Die Höhle im Dentin erreicht schließlich das Zahnmark, das Geflecht aus Nerven, Blut- und Lymphgefäßen im Zahninnern. Es entzündet sich – und jetzt beginnt der Schmerz. Geht der Patient jetzt nicht zum Zahnarzt, erreicht die Entzündung schließlich die Zahnwurzel.