Von Lothar Ruehl

Der scheinbar unaufhaltsame Niedergang der Türkei hat die nordatlantische Allianz seit dem vergangenen Herbst in einen politischen Alarmzustand versetzt. Der Schock der Umwälzungen im benachbarten Iran und die Erschütterungen, die der israelisch-ägyptische Friedensschluß im Nahen Osten auslösen könnte, haben der Bewältigung der türkischen Krise eine seit drei Jahrzehnten beispiellose Dringlichkeit verliehen: In der Spirale von Inflation und Produktionsrückgang rast der westlichen Türkei-Politik die Zeit für wirksame Aktionen davon.

In dem einen Jahr, seit der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit in Bonn vor dem drohenden Zusammenbruch der türkischen Volkswirtschaft warnte, hat, sich wieder erwiesen, daß die Atlantische Allianz in einer Krise, die sie nicht unmittelbar militärisch bedroht, mehr Trägheitswiderstand als Reaktionsvermögen an den Tag legt.

Stillgelegte Pumpe

Westliche Experten haben einen jährlichen Devisenbedarf von fünf Milliarden Dollar für die Türkei errechnet, wenn deren Zahlungsbilanz ausgeglichen und die notwendigen zusätzlichen Importe für eine Steigerung der türkischen Industrieproduktion bezahlt werden sollen. Die privaten westlichen Banken stellten bisher dauernd zwei bis drei Milliarden Dollar zur Verfügung, doch diese Finanzpumpe wurde Ende 1978 wegen der akuten Zahlungsunfähigkeit der Türkei stillgelegt. Ein Ein-Milliarden-Dollar-Kredit und Finanzgarantien der wichtigsten festlichen Industrieländer würden diesen Kreislauf wieder in Gang bringen und damit den wirtschaftlichen Kollaps der Türkei verhindern. Um diese Operation einzuleiten, wurde der niedersächsische Finanzminister Walther Leisler Kiep mit einer ersten Sondierungsmission in Europa und Ankara beauftragt. Sein Weg führte ihn ins europäische Hauptquartier zu General Alexander Haig, der eben von seiner eigenen Aufklärungsfahrt nach Ankara mit einer pessimistischen Lagebeurteilung zurückgekehrt war.