Ein neuer Krisenherd: In Afghanistan greift die islamische Rebellion um sich. Zur gleichen Zeit verschlechtern sich die Beziehungen zu den Nachbarn Iran und Pakistan.

Daß das pro-sowjetische Regime des Nur Mohamed Taraki in Afghanistan zunehmend in Bedrängnis gerät, läßt sich schon daraus erkennen, daß die sowjetische Führung allein zweimal in der vergangenen Woche in der Prawda und Izwestija zu den Unruhen Stellung nahm: eine deutliche Abkehr vor der bisherigen Praxis, die afghanischen Zustände eher als eine sozialistische Idylle darzustellen. Unter dem Pseudonym J. Alexandrow beschuldigte ein Moskauer ZK-Mitglied Pakistan und den Iran, de regimefeindlichen Unruhen anzuheizen. Offensichtlich ist den Sowjets besonders daran gelegen, die afghanische Rebellion nicht zu einer Konfrontation zwischen dem Islam und dem Kommunismus werden zu lassen.

Zwar hat die afghanische "Nationale Befreiungsfront" und ihr Vorsitzender, der Professor Mojadedi, zum "heiligen Krieg" gegen die Kommunisten in Kabul aufgerufen, aber noch, ist nicht klar, ob es hier tatsächlich um die Verteidigung des Islam geht oder ob wieder einmal der alten afghanischen Lust im Streit und Kampf gefrönt wird. In den Randprovinzen des zerklüfteten Landes ist es immer unruhig gewesen und unter der Flagge der Autonomie sind schon manche Händel ausgetragen worden. Ob die Befreiungsfront tatsächlich 15 der 27 Provinzen kontrolliert, mag dahingestellt sein. Daß die Regierung Taraki aber unsicher im Sattel sitzt, läßt sich daran ermessen, daß sie in jeder Beziehung zum Rundumschlag angetreten ist. So ließ sie durch die Prawda ihres mächtigen Verbündeten verkünden, die USA, Großbritannien, die Bundesrepublik Deutschland, Ägypten und andere reaktionäre Regime verstärkten ihre Hetze gegen Afghanistan. Aktiv an dieser weltweiten Verschwörung hätten besonders die Chinesen, Pakistan und der Iran teilgenommen. Zur gleichen Zeit beschoß afghanische Artillerie ein Flüchtlingslager auf pakistanischem Boden; afghanische Truppen marschieren an der Grenze auf. Dennoch sind an die 50 000 Afghanen bisher nach Pakistan geflüchtet.

Ob der Iran und Pakistan die Rebellen tatsächlich materiell unterstützen, läßt sich bisher nicht beweisen. Daß sie aber der Befreiungsfront Sympathien entgegenbringen, darüber dürfte es keinen Zweifel geben. Der Iran tut es um der pan-islamischen Bewegung willen, Pakistan aus Rücksicht auf seine unruhigen Westprovinzen. Denn sowohl diesseits wie jenseits der Grenzen wohnen die streitbaren Paschtunen und Belutschen.

Die auf den Zusammenhalt ihres brüchigen Herrschaftsgebiets bedachte pakistanische Führung würde sich selber ans Messer liefern, wenn sie eindeutig gegen die afghanischen Rebellen und damit ihre pakistanischen Stammesbrüder Stellung bezöge. Gabriele Venzky