Von Kai Hermann

Gorleben, im März

Eine tausendrädrige Schlange wand sich scheinbar endlos auf schmalem Asphalt durch nasse Wiesen, Sumpfgelände, noch kahle Laubwälder und Dörfer mit jahrhundertaltem Fachwerk. Sie schob sich durch eine der letzten noch unversehrten deutschen Landschaften auf der Straße vom niedersächsischen Dorf Gorleben in Richtung niedersächsische Landes-, hauptstadt Hannover.

Einige tausend der 49 000 Bauern und Bürger des Landkreises Lüchow-Dannenberg waren auf Traktoren, Ponywagen, Kinderkarren, Rollschuhen, zu Pferde und zu Fuß auf der Landstraße. Auf dem auseinandergefalteten Pappkarton am Frontlader eines Traktors verkündetes grobe Buchstaben das Ziel des Zuges: "Albrecht, wir kommen." Beim niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht haben sich die Lüchow-Dannenberger eingeladen, um ihre Anrichten zur geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage von Gorleben kundzutun.

Bei eisigem Ostwind und Dauerregen begann am vergangenen Sonntag der Treck Gorleben–Hannover, der am Samstag dieser Woche die Landeshauptstadt erreichen soll. Die Idee zu dem langen Marsch war einigen Landwirten beim Bier gekommen. Sie hatten eigentlich an eine eher symbolische Aktion gedacht; denn bis zum vergangenen Sonntag ahnte niemand so recht, daß wendländische Bauern in großer Zahl zum Protest gegen die Obrigkeit gebracht werden könnten. Denn Widerstand gegen "die da oben" hat in diesem Teil Niedersachsens nicht gerade Tradition, Die konservative Grundstimmung der Wendländer – in der großen Mehrzahl bislang treue CDU-Wähler – war dann auch für die Regierung Albrecht eine wesentliche Entscheidungshilfe bei der Standortbestimmung für atomare Entsorgungszentrum gewesen.

Seit vergangenem Sonntag weiß man auch in Hannover, daß das Gorleben-Projekt auf neuen, unerwarteten und für die Regierenden sehr unbequemen Widerstand stößt. Der Protest kommt nicht wie erwartet im Laufschritt mit Öljacken, Helmen auf langen Haaren und Knüppeln in den Händen, sondern gemächlich aber selbstbewußt im Fünf-Kilometer-Tempo auf Traktoren, in Loden, mit Thermosflaschen in der Hand voll heißem Kaffee gegen den kalten Ostwind

Die Transparente des Gorleben-Trecks verraten keine Vorbildung in Politseminaren. Auf Pappe und alten Bettlaken entstand über die Nacht zum Sonntag bäurisch-deftige politische Poesie. Landwirtsfamilien reimten und malten sich ohne Anweisung und Anleitung Wut und Angst von der Seele: "Geht von unserem Acker, Strahlenkacker." "Es grüne die Tanne, es schlage das Herz. Im Widerstand sind wir hart wie Erz." Und: "Die Herren machen selber, daß ihnen die armen Leut’ Feind werden."