Daß Kinder eine Privatsphäre für sich fordern, zeigt sich schon im Kindesalter durch den Wunsch nach Entscheidungsfreiheit und privatem Besitztum. Bis zu 14 Jahre alte Kinder sehen nach eigener Aussage die Schwerpunkte ihrer Privatsphäre im Verfügungsrecht über eigenes Zimmer und Eigentum, in der Handlungsfreiheit sowie im Recht auf die Selbstwahl der Freunde. – Diese Forderungen werden auch von den Eltern akzeptiert, doch behalten sie sich Einschränkungen vor. Wo die Grenzen der elterlichen Einschränkungsrechte liegen sollten, klärten wir in einer kursinternen Diskussion:

Grundsätzlich sollten Kinder die Entscheidungsfreiheit verwirklichen können; ein Eingreifen der Eltern sollte erst dann erfolgen, wenn es um weitreichende Dinge geht oder wenn negative Folgen absehbar sind, über deren Tragweite sich Kinder wegen ihres eingeschränkten Erfahrungshorizontes nicht bewußt sein können. Durch solch Verhalten der Eltern wird die Selbständigkeit und letztlich die Mündigkeit der Kinder erzielt. Leistungskurs Deutsch 1 des Aufbaugymnasiums in Speyer

Kinder brauchen ihre Privatsphäre genauso wie Erwachsene. Sie fängt schon im Kinderzimmer an. Die Schränke sollten zum Beispiel nicht von den Eltern aufgeräumt werden. Auch das Briefgeheimnis gilt für Kinder. Ebenso ist es fälsch, wenn die Eltern die Tagebücher der Kinder lesen, weil darin meist sehr private Dinge stehen. Es ist auch falsch, wenn Erwachsene sich um die Freundschaften der Kinder kümmern oder sogar den Umgang bestimmen. Kinder sollten über ihre Kleidung frei entscheiden können und auch über das Taschengeld.

Gabriele Roth, 14 Jahre

Die Grenzen werden sich immer nach der geistig-seelischen Entwicklung des Kindes richten’müssen, und sie werden auch immer auf dem Verständnis und dem Einfühlungsvermögen der Eltern beruhen. Deren Verhalten sollte sich an zwei Überlegungen orientieren: daß jedes Kind in hohem Maße auf innigen Kontakt mit den Eltern oder sonstigen Bezugspersonen angewiesen ist – und daß auf der anderen Seite jedes Kind ein vollkommen individueller Mensch ist. So sollten sich die Eltern in Bereichen, in denen ein Kind sein Leben allein überschauen und lenken kann, prinzipiell nur auf dessen Wunsch hin „einmischen“. Hierzu gehört auch, daß sie es ohne weiteres akzeptieren, wenn ihr Kind sie einmal zurückweist. So erhält das Kind das Gefühl, daß es als vollwertig anerkannt wird und wird ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern entwickeln, auf Grund dessen es sich ihnen auch anvertrauen wird, wenn es vor Problemen steht, die es allein nicht bewältigen kann. Wo solch ein Verhältnis besteht, kann die Privatsphäre des Kindes kein Problem darstellen: Soweit es sein Leben übersehen kann, entscheidet das Kind selbst, inwieweit es die Eltern daran teilnehmen läßt, dies um so mehr, je mehr es Ihnen vertraut. Wenn ihm diese Privatsphäre eingeräumt wird, wird es sich ohne Schwierigkeiten in das Familienleben einfügen. Stefan Köhler, 16 Jahre

Der Wunsch nach einer Privatsphäre entsteht meistens, wenn man mit dem anderen Geschlecht. Kontakt bekommt und Erfahrungen gemacht hat, die man für sich behalten möchte. Wenn die Eltern dann unbedingt wissen wollen, wo und mit wem man unterwegs war und was man gemacht hat, kommt es leicht dazu, daß man auf stur schaltet oder dumme und freche Antworten gibt. Dadurch kommt es oft zu Spannungen zwischen Eltern und Kind. Die Erwachsenen müßten ihrem Kind eigentlich vertrauen können, denn sie haben es ja erzogen. Sie sollten sich auch nicht in die Post ihrer Kinder einmischen, es sind persönliche Sachen, die an sie adressiert sind. Es gibt aber auch Dinge, in die sich Eltern einmischen dürfen, zum Beispiel, wann es Zeit ist, abends nach Hause zu kommen. Denn das bestimmen nicht nur die Eltern, sondern auch das Gesetz, mit dem keiner gern in Konflikt kommt. Marion Gerth, 16 Jahre

Es läßt sich schwerlich eine Linie ziehen, die angibt, wo die Privatsphäre, des Kindes beginnt. Grundsätzlich sollte jedoch ein jeder den Kindern Zumindest die Ausmaße der Privatsphäre zubilligen, die er für sich selbst, beansprucht. Was ein Kind einem dann aus diesem Bereich anvertrauen will, muß in jedem Fall in seinem eigenen Ermessen liegen. Auch ein Erwachsener verschenkt kein Vertrauen, wenn man mehr oder minder gewaltsam in seine persönlichsten Bereiche einzudringen versucht.